19. September 2019, 08:00 Uhr

Pflegende Angehörige

René Seehofs Weg zurück zur Leichtigkeit

Der Schlaganfall ihrer Mutter stellte René Seehofs Leben auf den Kopf. Plötzlich gab es nur noch ein Thema: Die Pflege der Eltern. Es war eine Zäsur für die fröhliche Vilbelerin.
19. September 2019, 08:00 Uhr
Hündin Shari ist immer an René Seehofs Seite. Die 65-Jährige hat den Mischling als Aufmunterer in ihr Leben geholt, als sie nach dem Schlaganfall ihrer Mutter eine schwere Zeit durchzustehen hatte. (Foto: ags)

Nachdenklich blickt René Seehof auf ihr Wasserglas. »Irgendwann habe ich gedacht: Wenn das so weitergeht, sterbe ich noch vor meinen Eltern«, sagt sie dann und es klingt, als könnte die 65-Jährige mit dem kessen Lachen selbst nicht ganz glauben, dass ihr dieser Satz gerade herausgerutscht ist. Obwohl sie ihn in den vergangenen Jahren so oder so ähnlich schon oft gesagt haben muss.

Seehof ist die Gründerin eines Gesprächskreises für Menschen, deren Eltern oder Lebenspartner im Alter pflege- oder betreuungsbedürftig geworden sind, und die ein Ventil für die psychische Last suchen, die ein solche Situation mit sich bringt. Vor drei Jahren hat sie die Selbsthilfegruppe initiiert. Mit ihren Erfahrungen will sie anderen Mut machen und den schweren Weg erleichtern.

»Ich selbst war damals völlig überfordert«, sagt Seehof. »Es gab niemanden, der geholfen hat. Alles war unendlich mühsam.« Die adrette Rothaarige sitzt in einem der Büros im Haus der Begegnung (HdB) und erzählt, ausschweifend und augenzwinkernd, so wie sie es immer tue, sagt sie. Zu ihren Füßen wuselt Hündin Shari umher, ihre ständige Begleiterin und Glücklichmacherin.

Zermürbender Kampf

2010 hat Seehof den Mischling in ihr Leben geholt, in einer Phase, in der sie merkte, dass sie wieder mehr für sich tun muss, bevor die ständige Sorge um Andere sie am Ende auffrisst. Ein Jahr zuvor hatte ihre Mutter einen Schlaganfall erlitten. Eine Zäsur für die gesamte Familie - vor allem aber für die Tochter. Die gebürtige Badenerin Seehof war damals Geschäftsführerin des Karbener Berufsbildungswerks (bbw). »Ich habe sehr viel gearbeitet«, erzählt sie. »Mein Beruf war für mich gleichzeitig mein Hobby und mein Ehrenamt.« Es war ihr Traumjob, für den sie 2004 extra nach Bad Vilbel an den Niederberg gezogen war.

Beruflich lief es also gut, die Tochter stand endlich auf eigenen Beinen, und Seehof und ihr Mann freuten sich auf eine Zeit der Unabhängigkeit. Dann wurde die Mutter krank. »Mit einem Schlag war alles anders«, sagt Seehof. Plötzlich pendelte sie mehrmals die Woche hunderte Kilometer nach Baden-Württemberg, um nach der 80-jährigen Mama und dem gleichaltrigen Lebenspartner zu sehen. Mittags oder morgens hin, manchmal erst spät in der Nacht zurück.

Ein Alternative? Die gab es aus Sicht der Vilbelerin nicht. »Man bekommt in Deutschland eine gute Versorgung für Pflegebedürftige«, sagt sie. »Aber nur, wenn man darum kämpft. Und das kann zermürbend sein.« Tagtäglich schlug Seehof sich mit der Krankenkassen herum und musste im Job kürzer treten. Gleichzeitig schwelte die emotionale Überforderung.

Neue Lebensphase

»Wenn die Eltern pflegebedürftig werden, fängt eine neue Lebensphase an«, analysiert Seehof rückblickend. Die Rollenveränderungen zu akzeptieren, falle allen Beteiligten schwer - das sei eines der Hauptthemen des Gesprächskreises. Die Alternden klammern sich an ihre sicher geglaubte Eigenständigkeit, während ihre Angehörigen mit ansehen müssen, wie der starke Mensch, den sie mal kannten, zum Schatten seiner selbst wird.

Mit den Jahren mehrten sich für Seehof die Herausforderungen. Das Wohlsein der Eltern war lebensbestimmend geworden, die eigenen Bedürfnisse rückten in den Hintergrund. Ins Kino oder in die Oper ging Seehof zwar noch, aber das schlechte Gewissen kam stets mit. Bis sie irgendwann wusste: So darf es nicht weitergehen. Nach zwei Jahren Überlegung überwand Seehof sich dazu, ihre Eltern zu »entwurzeln«, wie sie es beschreibt, und in ein Karbener Pflegeheim zu holen. Sie habe begriffen, dass ihre Mutter und deren Lebensgefährte vor allem eines brauchten. »Mich.« Denn egal wie gut die Betreuung sei, eine emotionale Versorgung könne auch die beste Pflegeeinrichtung nur bedingt leisten. Im Dezember 2015 gab sie nach zwölf Jahren schweren Herzens auch ihren Job im Berufsbildungswerk auf.

Heute arbeitet René Seehof als freiberufliche Beraterin für Männer und Frauen in beruflichen Umbruchsphasen. Das hat ihr Zeit verschafft, für Besuche bei der inzwischen alleinstehenden Mutter, aber auch um im Alltag mal wieder Entspannung zu finden - und für die Selbsthilfegruppe.

Gesprächskreis seit 2016

Beim Gassigehen mit Hündin Shari habe sie viele Kontakte geknüpft, erzählt Seehof. Sie habe gemerkt: Mit ihren Problemen ist sie nicht allein. Mehr noch: Der Moment, indem man sich mit dem Älterwerden, Pflege und Betreuung beschäftigen müsse, komme früher oder später für jeden - sei es wegen den Eltern, den Schwiegereltern oder dem Ehepartner.

Im Frühjahr 2016 traf sich der Gesprächskreis erstmals unter dem Dach der Selbsthilfekontaktestelle Bürgeraktive. Es hat sich seither ein fester Kern von einem halben Dutzend Teilnehmer gebildet. Möglichst früh mit Menschen zu sprechen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, helfe den Kopf freizubekommen. Die eigenen Liebsten wollten viele nicht noch mehr als sowieso schon mit der ewigen Pflegethematik belasten. »Meine Familie hat es bestimmt nicht mehr hören können«, sagt sie.

Der Gesprächskreis für Angehörige von pflegebedürftigen und zu betreuenden älteren und alten Menschen trifft sich an jedem dritten Mittwoch im Monat im Haus der Begegnung (Hdb), am Marktplatz 2, um 19 Uhr. Ein Besuch ist kostenlos und unverbindlich,. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Weitere Infos bei der Selbsthilfekontaktstelle unter 0 61 01/13 84.

Pflegestützpunkte stellen sich vor

Für Mittwoch, 23. Oktober, lädt die Bad Vilbeler Selbsthilfekontaktstelle Bürgeraktive ab 19 Uhr zu einem Vortrag ein, bei dem die beiden Wetterauer Pflegestützpunkte vorgestellt werden. Zu Gast sind Mitarbeiterinnen der Servicestellen, die sich in Friedberg und Büdingen befinden und unabhängige und kostenfreie Beratung für alle Fragen rund um das Thema Pflege bieten, etwa zu Versicherungen oder dem barrierefreien Umbau der Wohnung. Die Veranstaltung findet im Haus der Begegnung (HdB), Marktplatz 2, statt. Der Eintritt ist frei. Nachdem Vortrag besteht Gelegenheit, den »Gesprächskreis für Angehörige von zu pflegenden und betreuenden älteren und alten Menschen« kennenzulernen. Weitere Infos bei der Selbsthilfekontaktstelle unter 0 61 01/13 84.

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