23. Januar 2019, 20:17 Uhr

Vom Pianisten zum Schriftsteller

23. Januar 2019, 20:17 Uhr
Hier fühlt er sich auch mit 90 Jahren noch immer am wohlsten: Ulrich Niebuhr sitzt am Klavier und spielt. (Foto: Fauerbach)

Als Junge erlebt er den Bombenhagel über Kiel, als Erwachsener spielt er in der ganzen Republik Klavier, als Senior setzt er sich in Bad Vilbel zur Ruhe – und greift zum Stift. Ulrich Niebuhr blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Heute feiert der Lehrer, Musiker und Autor Ulrich Niebuhr seinen 90. Geburtstag. Angestoßen wird in der Kernstadt mit Christa Uebe-Emden, die seit 47 Jahren seine Lebensgefährtin ist, Nachbarn und Gratulanten. »Ich feiere meinen runden Geburtstag gleich zweimal. Einmal mit den Nachbarn und später mit der Familie«, verkündet der Jubilar.

Die Familie reist überwiegend aus Norddeutschland an, wo Ulrich Niebuhr am 24. Januar 1929 in Kiel als drittes Kind der Eheleute Elisabeth und Doktor Alwin Niebuhr zur Welt kommt. Bruder Walter und Schwester Elfriede sind acht und mehr Jahre älter. Der kleine Ulrich besucht bis 1945 das Staatliche Gymnasium in Kiel, wird dann Zeitzeuge des Luftkrieges über seiner Heimatstadt. Seine Erlebnisse im Bombenhagel hält er in einem Tagebuch fest.

»Mein Elternhaus in der Moltkestraße 3 im Stadtteil Düsternbrook und die Zahnarztpraxis in der Holstenbrücke im Kieler Zentrum wurden in der Nacht vom 26. auf den 27. August 1944 von englischen und amerikanischen Bombern zerstört«, berichtet er. Bis dahin war das Leben des 14-Jährigen, der, seit er acht Jahre alt war, Klavierunterricht bekam, trotz des Krieges in relativ geordneten Bahnen verlaufen. Später eröffnet sein Vater in Eutin eine neue Praxis, wo der Sohn 1950 an der Johann-Heinrich-Voß-Schule sein Abitur besteht. Er studiert Schulmusik an der Musikhochschule Hamburg, Klavier in der Meisterklasse von Professor Eliza Hansen, und Englisch an der Uni Hamburg. Danach arbeitet er als Klavierdozent vier Jahre an der Willington Music School, einem Konservatorium im US-Bundesstaat Delaware.

Auftritte beim HR

Anschließend ist er zwei Jahre lang als Programmgestalter in der Musikabteilung des Hessischen Rundfunks (HR) in Frankfurt tätig, um dann 19 Jahre lang als Lehrer Musik und Englisch am Helmholtz-Gymnasium zu unterrichten. »In dieser Zeit hatte ich eine eigene Schülerjazzband, bin als Solist und mit Jazzmusikern des HR aufgetreten«, erinnert sich Niebuhr. Unter anderem spielt er als Pianist mit dem Rundfunkorchester Frankfurt, mit der Baden-Badener Philharmonie und in Eutin mit der Hamburger Kammerphilharmonie. Sein musikalisches Herz schlägt für Klassik und Jazz. »Mein letztes Konzert habe ich 2005 mit Chor und zwei Solisten vor 800 Zuhörern in Langenselbold gespielt.«

Neben der Liebe zur Musik entdeckt er das Schreiben für sich. Inzwischen ist Niebuhr bekannt als Autor musikwissenschaftlicher Studien und Zeitgeschichte. Eine 2011 erschienene Abhandlung ist sogar in Enzyklopädien aufgenommenen worden: In ihr weist er die Bedeutung und den Einfluss des englischen Klaviervirtuosen, Komponisten und Musikverlegers Henry Litolff im Musikleben Russlands nach.

2012 schreibt Niebuhr für die Neuausgabe des Zeitdokumentes »Zwei Brüder«, das sein Großonkel Gustav von Rohde herausgegeben hatte, das Geleitwort. »In diesem Buch schildern Gotthold und Heinz von Rohden in Feldpostbriefen an den Vater und in Tagebuchaufzeichnungen von 1914 bis 1916 ihre Empfindungen und Erlebnisse im Ersten Weltkrieg. »Es ist ein erschütterndes Zeitdokument mit authentischen Aussagen von zwei jungen Leuten, die ihr Leben im Krieg verloren haben.« Seine eigenen Jugendjahre im Dritten Reich hat Niebuhr im Buch »Jugendjahre im Luftkrieg – Die Erlebnisse eines Kieler Schülers vor dem Hintergrund der militärischen und politischen Entwicklungen von 1941 bis 1945« basierend auf seinen Tagebucheintragungen festgehalten.

Die Leser erfahren wie es einem »Kriegskind« erging, das viele Hundert Tage und Nächte voller Angst, Hunger und Durst mit seiner Familie in Luftschutzkellern und Betonbunkern ausharrte, wie es versuchte den Ablauf der Kriegshandlungen, Kriegsende, Kapitulation, das Grauen und die Kriegsverbrechen zu begreifen.

Ulrich Niebuhr berichtet von seiner unangenehmen Begegnung mit der Kieler Geheimen Staatspolizei, in Briefen seiner Familie aus dem Kinderlandverschickungslager in Sörup/Angeln (Herbst 1944 bis April 1945), von seinem sechswöchigen sogenannten »Schanzeinsatz« an der holsteinischen Westküste und den dauernden Kontrollen durch die HJ-Führer.

Alle genannten drei Bücher gehören zum Bestand der Vilbeler Stadtbibliothek. In der Kurstadt lebt Ulrich Niebuhr seit 1986 erst zur Miete, seit 2003 im Eigenheim. Dort schreibt er gerade an seinem vierten Buch über seine Erlebnisse in der Sylter »Kupferkanne«, wo der Student 1952 und 1953 als Solist auftrat.

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