21. Juli 2019, 20:02 Uhr

Zwei Zertifikate für ein Halleluja

21. Juli 2019, 20:02 Uhr
Margit Wiegand (l.) und Hannelore Lotz sind zertifizierte Pflegebegleiterinnen. (Foto: ags)

Es gibt eine neue Pflegebegleiterin: Margit Wiegand hat ihre Ausbildung beendet und steht ab sofort Hannelore Lotz von der Nachbarschaftshilfe zur Seite. Gemeinsam werden die Ehrenamtlerinnen all jenen helfen, die sich in Extremsituationen mit Fragen der Pflegebedürftigkeit überfordert fühlen.

Für Familien ist es ein Horrorszenario: Oma stürzt, verletzt sich und muss ins Krankenhaus. Als sie zurück kommt, ist nichts mehr wie es war. Allein leben? Plötzlich unmöglich. Eine fitte Seniorin wird vom einen Tag auf den anderen zum Pflegefall - und die erwachsenen Kinder stehen ratlos da. Warum heißt die Pflegestufe Pflegegrad? Was muss die Krankenkasse jetzt liefern? Und wo bekommt man eine bezahlbare Pflegekraft her?

»Im Alltag beschäftigen sich die Wenigsten mit solchen Fragen«, weiß Hannelore Lotz. Die Themen Alter und Krankheit würden ausgeblendet. »Und wenn dann etwas passiert, wissen viele nicht mehr weiter«, sagt die 68-Jährige. Sie kennt Fälle wie diesen nur zu gut - und weiß, wie leicht es ist, sich im Dickicht der Pflegevorschriften zu verirren. Seit zwölf Jahren engagiert sich Lotz als ehrenamtliche Pflegebegleiterin. Bis vor wenigen Tagen war sie die einzige in Bad Vilbel, die diese Ausbildung hatte. Jetzt sitzt ihr an einem Tisch in den Räumen der Nachbarschaftshilfe Margit Wiegand gegenüber, ein Zertifikat in der Hand. Sie wird Lotz in Zukunft unterstützen. »Ich muss mich aber erstmal an die Praxis herantasten«, sagt die 64-Jährige.

Unter dem Dach der Nachbarschaftshilfe bietet Lotz regelmäßig Pflegesprechstunden an. Sie sucht Kontakt zu betroffenen Vilbelern und versucht, Senioren möglichst früh darüber aufzuklären, wie sie sich darauf vorbereiten können, falls sie oder ihr Lebenspartner pflegebedürftig werden. Ziel ihrer Arbeit ist stets, Pflegende zu entlasten.

Sie bringe eine Expertise mit, die andere allein aus Zeitgründen gar nicht haben können, sagt Lotz. »Die Formalien rund um die Pflege sind komplex und unübersichtlich. Man denke nur an die Datenschutzprobleme bei einem Arztwechsel. Wir haben uns eingearbeitet und können schnell helfen.«

Erfahrung in sozialer Arbeit haben die beiden ebenfalls reichlich. Lotz betreut als stellvertretende Vorsitzende Projekte der Nachbarschaftshilfe mit. So kennt sie sich auch mit Wiegands Fachgebiet aus, die seit fast neun Jahren als Sterbebegleiterin Menschen auf den letzten Schritten ihres Lebenswegs zur Seite steht.

Auch sonst haben beide Frauen viel gemeinsam: Sie wohnen in der Kernstadt, haben mehrere Enkel und kommen ursprünglich aus einer Berufswelt, die von der Pflege weit entfernt ist: Lotz war Industriekauffrau, Wiegand Fremdsprachensekretärin. Warum sie sich jetzt stark im Ehrenamt einbringen, fällt ihnen schwer in Worte zu fassen. »Es ist irgendwie eine Berufung«, sagt Wiegand. »Es ist aber auch ein Geben und Nehmen. Man erfährt viel Wärme und Dankbarkeit.«

Offenes Ohr für die Pflegenden

Als Pflegebegleiterinnen helfen Lotz und Wiegand beim Formulare ausfüllen, machen Hausbesuche oder knüpfen Kontakte zu Mediatoren, wenn der Streit in der Familie überhand nimmt. Oder sie haben ein offenes Ohr. »Die Pflegenden werden selten gefragt, wie es ihnen geht«, sagt Wiegand. Häufig drehe sich der Alltag nur noch um das krank gewordene Familienmitglied. Ein externer Vertrauter soll helfen, dass die eigenen Bedürfnisse nicht in Vergessenheit geraten.

Für die Pflegebegleitung gibt es klare Grenzen. Sie berate ihre Klienten nicht, sie informiere nur, sagt Lotz und erklärt: Die Behandlung der Ärzte würde sie nie kritisieren. Wenn die Pflegenden aber unzufrieden seien, helfe sie, die richtige Adresse für Beschwerden zu finden. »Wir drängen uns nicht auf, sondern versuchen, Eigenständigkeit zu ermöglichen«, ergänzt Wiegand. Nur ist es mit der Eigenständigkeit manchmal schwieriger als man denkt. »Die Familien von Pflegebedürftigen durchleben emotionale Ausnahmesituationen«, sagt Lotz. Wenn Angehörige im Krankenhaus lägen, sei man nervös. Dann brauche es jemanden, der mit ruhigem Auge von außen die Situation erfasst. Sich an die Pflegebegleiter zu wenden, soll einfacher sein, als stundenlang das Internet zu durchforsten. »Die Fälle sind so vielfältig, es ist unmöglich, immer alle Eventualitäten zu bedenken«, findet Wiegand. Und ein weiter wichtiger Vorteil: Das Angebot ist kostenlos.

Lotz und Wiegand wurden beim Frankfurter Verband, dem größten sozialen Träger der Stadt, ausgebildet. 60 Stunden, verteilt über mehrere Wochen, hat das gedauert. Experten aller Fachrichtungen von Pflegern bis zu Anwälten haben Seminare gegeben. Die Ausbildung kostet nichts, die Nachfrage nach Pflegebegleitern ist groß. »Man wollte uns regelrecht abwerben«, erzählt Lotz. Sie habe aber abgelehnt, in Vilbel gebe es genug zu tun.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Datenschutzprobleme
  • Nachbarschaftshilfe
  • Sterbebegleiter
  • Zertifikate
  • Bad Vilbel
  • Alexander Gottschalk
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 10 / 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.