11. Januar 2013, 16:03 Uhr

Bitumen haftet nicht an Straße, sondern Autos

Wetteraukreis (sax). Seit Herbst häufen sich im östlichen Kreisgebiet Beschwerden über fehlerhafte Straßensanierungen. Die zuständige Behörde Hessen-Mobil versprach, dass die Mängel behoben werden. Weil dies jedoch nicht geschah, sind an Fahrzeugen und Kanalisation erhebliche Schäden entstanden.
11. Januar 2013, 16:03 Uhr
Obwohl das weiße Auto gerade frisch gewaschen wurde, haftet das Bitumen hartnäckig am Lack. (Fotos: Potengwoski)

Denn die aufgebrachten Materialien – Bitumen und Splitt – haften nicht auf den Straßen.

Vor knapp einem Vierteljahr ließ Hessen-Mobil auf zehn Teilstrecken mit insgesamt rund 13 Kilometern Länge in der Region Bitumen aufspritzen, der mit Splitt abgebunden werden sollte. Die Oberflächenbehandlung sollte nach Angaben von Pressesprecherin Carmen Koch kleinere Schäden in der Straßendecke reparieren, so Frostschäden im Winter verhindern und die Lebensdauer der Straßen verlängern.

»Die Grundidee, da etwas drüber zu machen, ist okay, aber die Ausführung lässt sehr zu wünschen übrig«, sagt Büdingens Erster Stadtrat Manfred Hix. Er wohnt am Kaspersberg, der auch oberflächenbehandelt wurde, und konnte die Qualität der Arbeiten vor der eigenen Haustür sehen. Denn kaum dass der Split aufgetragen war, lösten sich die kleinen Steine auch wieder.

Behandelte Straßen sind blank

Dass sich einige Steinchen aus der Oberfläche lösen, ist bei ähnlichen Arbeiten üblich. Doch im Gegensatz zu anderen Behandlungen mit Bitumen und Splitt trat bei den jüngsten Oberflächenbehandlungen kein Stillstand des Ablösungsprozesses ein. Wochenlang war der Kaspersberg wie auch die übrigen Straßen unter anderem in Vonhausen, Gelnhaar und Usenborn in eine Staubwolke gehüllt.

Nach inzwischen einem Vierteljahr sind große Flächen der behandelten Straßen blank. Der Splitt wurde von den Autos in die Rinnsteine, auf Gehwege und Grundstücke und auch andere Fahrzeuge geschleudert. Auch das Bitumen, das durch den Splitt gebunden werden sollte, ist nicht auf der Fahrbahn geblieben. Es haftet großflächig in Spritzern an Flanken und Radkästen der Autos, die über die betroffenen Straßen fuhren.

Entsprechend wütend sind deren Eigentümer. Markus Gerlach, Ortsvorsteher des Büdinger Stadtteils Michelau, der nur über den Kaspersberg zu erreichen ist, hat rund 40 Beschwerden aus dem kleinen Dorf erhalten. »Vor Weihnachten hat auf der Michelau der Baum gebrannt«, erklärt er, dass im Advent sein Telefon nicht mehr still stand. Immer wieder riefen Bürger an und wollten wissen, wer für die Schäden aufkommt. Gerlach will eine Liste der Geschädigten aus seinem Dorf mit Kostenvoranschlägen anlegen, um sie gesammelt an Hessen-Mobil weiterzugeben.

»Warum hat man nicht eine neue Decke draufgemacht?«, wundert sich Gerlach. Denn ein Drittel der Fahrbahn sei ohnehin erneuert worden, als im Sommer Gasleitungen gelegt wurden. »Die anderen zwei Drittel hätten der Kreis und die Stadt bezahlen können.« Auch Hix wundert sich, dass nicht zumindest die Anschlüsse der Oberflächenbehandlung an die bestehende Decke sinnvoll ausgeführt wurden, sodass sich an den Kanten der Splitt besonders schnell löste.

»Das ist ein Dumme-Buben-Streich«, ärgert sich Willi Georg, Anwohner am Kaspersberg. »Ich kehre jeden Tag den Bürgersteig ab. Die Steine liegen bis in die Küche.« Diese Erfahrung musste auch Hix machen, dem erst letzte Woche wieder ein Steinchen unter der Küchentür die Fliesen verkratzte.

Die Schäden, die die Bürger im Kleinen haben, addieren sich im Abwassersystem. »Das Wasser treibt den Splitt in die Sinkkästen und die Kanalisation«, erklärt Hix. Man habe Hessen-Mobil bereits angekündigt, die Reinigungskosten in Rechnung zu stellen. Dazu könne auch eine Kanalbefahrung notwendig sein.

Reiner Berthold vom Bauamt in Ortenberg sieht ebenfalls erhebliche Schadensersatzforderungen der Stadt an Hessen-Mobil voraus. Dabei hat er Unterstützung von Bürgermeisterin Ulrike Pfeiffer-Pantring. »Es kann nicht sein, dass hier die Abgabenzahler in Haftung genommen werden.« Auch Hix gibt sich kämpferisch. »Wir werden nicht locker lassen, ich kann es nicht auf die Stadt und den Büdinger Steuerzahler abwälzen.«

Schäden werden täglich größer

Hessen-Mobil hat im letzten Vierteljahr jedoch außer einer Geschwindigkeitsbeschränkung offenbar fast nichts unternommen, um die Schäden zu vermindern. Mit einer Kehrmaschine wurde zwar mehrfach versucht, die losen Steine aufzunehmen. Jedoch finden sich immer wieder zahlreiche freie Steinchen auf den Fahrbahnen und in den Rinnsteinen. So werden die Schäden an Kanal und Fahrzeugen täglich größer.

»Die ausführende Firma muss das auf schnellstem Weg abfräsen«, fordert Berthold. Eine Meinung, die auch Hix teilt. Pfeiffer-Pantring wundert sich auch, warum die Oberflächenbehandlung so umfangreich ausgeführt wurde, obwohl die Probleme absehbar waren. »Warum ich das kilometerweit mache, anstatt das nach kurzem Weg abzubrechen, kann ich nicht verstehen.«

Inzwischen wurde nach Angaben von Pressesprecherin Carmen Koch zumindest mit dem Abfräsen der betroffenen Strecken begonnen. Dabei würden die Ortsdurchfahrten bevorzugt behandelt. Im Frühjahr sollen dann alle fehlerhaften Straßen ordnungsgemäß wiederhergestellt sein. Bei den Schäden sieht Hessen-Mobil die ausführende Firma in der Verantwortung. Deren Haftpflichtversicherung werde nach Einzelfallprüfungen die Schäden erstatten.



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