15. November 2011, 19:13 Uhr

Unkrautvernichter aus der Zuckerdose: 18 Monate Haft

Butzbach (chh). Wegen gefährlicher Körperverletzung ist eine 41-jährige Butzbacherin zu einer Haftstrafe von 18 Monaten verurteilt worden. Die Strafe wurde zur Bewährung ausgesetzt. Richter Dr. Markus Bange sah es als erwiesen an, dass die Angeklagte ihren Lebensgefährten mit einem Unkrautvernichtungsmittel vergiften wollte.
15. November 2011, 19:13 Uhr
(Foto: dpa)

Ungewöhnlich: Die Strafe war höher als von der Staatsanwaltschaft gefordert. Die hatte für eine Verwarnung mit Strafandrohung plädiert.

Den Zorn seiner Freundin hatte im Juli diesen Jahres ein 43-jähriger Butzbacher erfahren. Der Anklageschrift zufolge soll seine Freundin wegen der unaufgeräumten Wohnung des Mannes ausgerastet sein. Sie soll gegen ein Kindergitter und einen Schrank getreten und das Auto zerkratzt haben, außerdem soll sie ihm gegenüber handgreiflich geworden sein. Der Hauptgrund, aus dem sich die 41-Jährige gestern vor dem Schöffengericht verantworten musste, wog jedoch schwerer: Die Angeklagte soll Pflanzenvernichtungsmittel in die Zuckerdose ihres Freundes geschüttet haben. Laut Anklage überlegte sie es sich jedoch anders und leerte den vergifteten Zucker umgehend in den Mülleimer. Als ihr Freund sich einen Kaffee zubereitete, schmeckte er jedoch die Rückstände am Löffel und ging zur Polizei.

»Ja, ich habe es getan«, gestand die Butzbacherin gegenüber dem Schöffengericht. »Ich möchte aber meine Beweggründe erklären.« Demnach habe sie an diesem Tag erfahren, dass sie erneut schwanger sei. »Das war eine Katastrophe für mich«, sagte die Butzbacherin. Sie habe mit ihrem Freund darüber sprechen wollen, ihn jedoch nicht erreichen können. Als sie dann seine Wohnung betreten habe, sei sie ausgerastet. Nachdem sie das Mobiliar und das Auto demoliert hatte, habe sie in der Küche den Unkrautvernichter entdeckt. »Ich wollte, dass es ihm genauso schlecht geht wie mir.« Sie schüttete die Flüssigkeit in die Dose und bemerkte, dass der Zucker sich verfärbte und verklumpte. »Was mache ich hier eigentlich?«, habe sie sich gefragt und die Dose geleert. Noch am gleichen Tag habe sie sich in einem Brief bei ihrem Freund entschuldigt. Vom Plan, ihn zu vergiften, schrieb sie jedoch nichts.

Ihr Freund sagte aus – die beiden sind immer noch ein Paar – er habe beim Ablecken des Löffels einen scharfen, stechenden Geschmack bemerkt. Als er dann den Unkrautvernichter auf der Fensterbank sah, ging er zur Polizei, die ihn umgehend zum Arzt schickte. Die aufgenommene Dosis war jedoch zu gering für gesundheitliche Schäden.

Streit habe es öfters gegeben, sagte der 43-Jährige. Häufig sei seine Freundin regelrecht explodiert. Nach dieser Tat habe sie jedoch eine Therapie angefangen, seitdem habe es auch keine Vorfälle mehr gegeben. Er wolle auch nicht, dass seine Lebensgefährtin bestraft werde. »Die Therapie tut ihr gut.«

Sowohl Staatsanwalt Jochen Fabricius als auch Richter Dr. Bange hatten Zweifel an der Version der Angeklagten. Laut der Aussagen dreier Polizisten waren noch deutliche Spuren des Gifts vorhanden, als die Dose untersucht wurde. »Ich war überzeugt, dass alles Gift raus war«, beteuerte die Angeklagte.

Da dies nicht mit erforderlicher Sicherheit zu widerlegen sei, plädierte der Staatsanwalt dafür, sie wegen fahrlässiger Körperverletzung zu verwarnen. Als Auflage müsse sie ihre angefangene Therapie abschließen. Der Verteidiger der Angeklagten schloss sich an.

Nicht so das Gericht: Zusammen mit den Schöffen hatte sich Dr. Bange noch einmal genauer die Fotos des Mülleimers angesehen, in den die Angeklagte angeblich das Giftgemisch geschüttet hatte. »Das kann nicht stimmen«, urteilte er, »im Mülleimer liegt nur normaler Zucker, keine Spur von Verfärbungen oder Klümpchen.« Seine Schlussfolgerung: Die Angeklagte wollte ihren Freund sehr wohl vergiften, über den Unkrautvernichter habe sie eine Schicht normalen Zucker gestreut. Er verurteilte die Angeklagte daher zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten auf Bewährung. »Das Gericht sieht es völlig anders als die anderen Beteiligten hier. Nach der Spurenlage gehen wir davon aus, dass Ihre Version nicht stimmen kann«, sagte er zur Angeklagten.



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