17. August 2012, 20:23 Uhr

»Schlitzer« gibt Drogengeschäfte teilweise zu

Echzell/Gießen (dab). »Drecksau.« Das geflüsterte Wort ist der einzig hörbare Ausdruck des Grauens und Entsetzens, das die Menschen im Zuschauerraum erfasst hat. In Saal 207 am Landgericht Gießen gibt Staatsanwältin Dr. Carina Heublein gerade ein konkrete Beschreibung dessen, was manche Menschen sich auf T-Shirts drucken oder sogar auf die Haut stechen lassen.
17. August 2012, 20:23 Uhr
In schwarzem Hemd und schwarzer Hose tritt Patrick Wolf am Freitag als Angeklagter vor die Siebte Strafkammer des Gießener Landgerichts, flankiert von seinem Anwalt Jürgen Häller aus Friedberg und dessen Praktikant, seinem Sohn Lars. (Foto: Schepp)

Sie beschreibt ein Massengrab voller ausgemergelter Menschen, in das ein deutscher Soldat noch mehr Leichen mit Hilfe eines Baggers schiebt. Daneben steht ein weiterer Soldat, die rechte Hand zum Hitlergruß erhoben, mit der anderen hält er sein Glied und uriniert einem Toten in den Mund.

Diese Vorlage fand die Polizei Anfang Juli 2011 bei einer Hausdurchsuchung in dem Düdelsheimer Tattoo-Studio von Patrick Wolf. Unter der Theke hatte der »Schlitzer« einen Ordner mit Motiven stehen, so die Anklage, in dem sich verfassungswidrige Kennzeichen wie Hakenkreuze, Eiserne Kreuze und SS-Runen fanden, aber auch Adolf Hitler als Comicfigur, Odal-Runen und Schriftzüge wie »Meine Ehre heißt Treue«, der Spruch der SS.

Volksverhetzung ist nur einer der Anklagepunkte in der Hauptverhandlung gegen Patrick Wolf, die am Freitag begonnen hat. Auch Körperverletzung (das mutmaßliche Opfer: ein türkischstämmiger Mann), Verstöße gegen das Waffengesetz, gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, Beleidigung, Verletzung des Kunsturheberrechts, vor allem aber Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz werden dem 26-Jährigen vorgeworfen. Wolf wurde in Handschellen vorgeführt, machte einen ruhigen Eindruck, kannte sich in den Akten bestens aus – Verteidiger Jürgen Häller hatte fast nichts zu tun.

Am ersten Verhandlungstag ging es – nach eineinhalbstündiger Verlesung der Anklageschrift – hauptsächlich um die mutmaßlichen Drogengeschäfte des Gettenauers. Bis zu seiner Festnahme im Juli 2011, als er auf frischer Tat nach einer Drogenfahrt von Holland bei der Rückkehr auf seiner Hofreite erwischt wurde, soll er ein Jahr lang teilweise erhebliche Mengen vor allem an Amphetamin gekauft und auch damit Handel getrieben haben. In der Anklage ist von mehreren Fällen die Rede, in denen Wolf 600 bis 2000 Gramm Amphetamin erworben oder besessen, mit Koffein gestreckt und weiterverkauft haben soll. Diese Mengen bestritt er ebenso wie die Hunderte von Ecstasy-Pillen, mit denen er gehandelt haben soll. Kleinere Mengen gab Wolf allerdings zu, auch dass er Geschäfte damit gemacht habe.

Vor allem aber zum Eigenbedarf habe er die Drogen gekauft, wobei er darunter offensichtlich den gemeinsamen Konsum mit Freunden versteht. Im August 2010 habe er das erste Mal in seinem Leben Drogen genommen, erzählte Wolf. Erst Amphetamin alias Pep, später Meth-Amphetamin alias Chrystal. »Es ging um Spaß.« Sein Händler sei regelmäßig zu ihm ins Tattoo-Studio gekommen und habe Drogen nach Bestellung mitgebracht, die unter den Freunden aufgeteilt worden seien. Die größte Menge, 100 bis 200 Gramm, sei für einen Mann bestimmt gewesen, dem Wolf die Drogen »übergeben«, das hieß: ohne Gewinn weiterverkauft habe, falls dieser erst später kommen konnte. Als Provision habe er meist 10 bis 20 Gramm Amphetamin bekommen.

Auch seien mit seinem Wissen und seiner Hilfe einige Drogengeschäfte in seinem Wohnzimmer und im Studio abgewickelt worden. Er selber habe jedoch nie größere Mengen besessen, beteuerte Wolf – schließlich habe er bemerkt, dass er von der Polizei beobachtet und sein Telefon abgehört werde. Außerdem seien alle zwei bis drei Monate bei ihm Hausdurchsuchungen durchgeführt worden.

Die Fahrt nach Holland mit seinem Dealer, bei der die beiden auf frischer Tat ertappt wurden, will Wolf aus Freundschaft zu dem Mann unternommen haben. Kurz zuvor soll es schon eine ähnliche Fahrt gegeben haben, bei der Wolf 400 Gramm Amphetamin eingeführt haben soll. Auch das eine Gefälligkeit, schließlich habe der Mann ihm 2000 Euro für die Einrichtung seines Tattoo-Studios geliehen. »Und dafür riskieren Sie eine hohe Gefängnisstrafe?«, fragte der Vorsitzende Richter. Ja, für seinen Freund hätte er sich auch den Arm abschneiden lassen, sagte Wolf, der für die Fahrten ein Motorrad geliehen hatte. Die Hälfte der Drogen zu übernehmen, so wie angeklagt, hätte er sich gar nicht leisten können.

Wieso er den Stoff bei sich gehabt habe, im Rucksack? »Weil ich nicht angehalten hätte, ich bin früher Motorradrennen gefahren«, sagte Wolf. Auch wollte der Richter wissen, warum er in dieser Nacht nicht woanders geschlafen hätte, wenn die Polizei ihn doch beobachtet habe? »Wenn ich nicht nach Hause gekommen wäre – da kennen Sie meine Frau nicht«, sagte Wolf.

Die Verhandlung wird fortgesetzt, zehn Tage sind angesetzt.

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