12. September 2014, 16:58 Uhr

Eine Liebe nach Flugplan

Echzell (chh). Kino? Essen gehen? Steven hat andere Möglichkeiten. Als er Elena zum ersten Date einlädt, nehmen sie nicht im Kinosessel, sondern im Cockpit einer Piper Platz. Statt einer romantischen Komödie gibt’s die Wetterau von oben.
12. September 2014, 16:58 Uhr
Steven nimmt sich gerne ein bisschen Arbeit mit nach Hause. Wobei es sich in diesem Fall nur um Flugzeugsitze handelt. In den kommenden Tagen wird er schon wieder im Cockpit sitzen. Bis er Elena wiedersieht, wird ein Monat vergehen. (Foto: chh)

Das ist jetzt sieben Jahre her, Steven und Elena Harris sind längst verheiratet. Trotzdem sehen sie sich seltener als viele andere Paare. Obwohl sie unter einem Dach in Echzell leben, führen sie eine Fernbeziehung.

Steven Harris ist Pilot. Er fliegt keine Touristen nach Mallorca, sondern reiche Geschäftsleute um die ganze Welt. Er ist Erster Offizier einer Gulfstream G 550, einem Privatjet. Ein Traumberuf? »Vor ein paar Jahren hätte ich noch ja gesagt.« Inzwischen ist sich der 27-Jährige nicht mehr so sicher.

Elena und Steven haben sich im Internet kennengelernt. Beide wohnten noch bei ihren Eltern, sie in Assenheim, er in Wölfersheim. Auch wenn das erste Date etwas Besonderes war, lernten sich die beiden in der Folgezeit genauso kennen wie die meisten anderen Paare. »Nach dem Rundflug haben wir viel telefoniert, waren Cocktails trinken oder essen«, sagt Elena. Das erste Jahr verlief relativ normal. Doch das sollte sich ändern.

Steven, der zu dieser Zeit in Reichelsheim eine Ausbildung zum Fluggerätmechaniker machte, wollte die Maschinen nicht nur reparieren, sondern auch fliegen. »Also habe ich eine Verkehrsflugzeugführerlizenz gemacht.« Der erste Job ließ nicht lange auf sich warten: Steven heuerte bei einem Luftfahrtunternehmen an, die Maschine stand in Schweinfurth. Die Fernbeziehung begann.

Fortan musste Steven montags, dienstags, donnerstags und freitags fliegen, manchmal auch den Mittwoch. »Das Flugzeug wurde von Firmen gemietet, ich habe die Chefs zu ihren Terminen geflogen«, sagt Steven. Für Elena keine einfache Zeit. »Wir hatten auf einmal nur noch eine Wochenendbeziehung. Die Zeit war sehr knapp.« So knapp, dass die beiden den nächsten Schritt wagten. 2009 zogen sie zusammen. »Sonst hätten wir uns überhaupt nicht mehr gesehen.«

Kurz darauf bot sich Steven eine neue Chance. Ihm wurde eine Stelle auf einem Business-Jet angeboten. Zwei Jahre lang flog er einen osteuropäischen Geschäftsmann um die Welt, nach 17 Tagen unterwegs folgten 13 Tage zu Hause, eine Zeit lang war er sogar 20 Tage arbeiten und nur 5 bei Elena. In seinem aktuellen Job hat sich das Verhältnis auf einen Monat fliegen und einen Monat zu Hause eingependelt. Die beiden kommen damit besser zurecht, es lässt sich leichter planen. Einfach ist es trotzdem nicht.

»Ich vermisse Steven sehr«, sagt Elena. Die beiden chatten und telefonieren zwar täglich, doch das ist nicht dasselbe. Kürzlich war das Paar zu einer Hochzeit eingeladen, da Steven unterwegs war, musste Elena alleine gehen. Es war nicht das erste Mal, dass die 26-Jährige alleine am Pärchentisch saß. »Gerade bei romantischen Ereignissen wünscht man sich den Partner an seiner Seite.« Zu ihrer eigenen Hochzeit im vergangenen Jahr hat es Steven immerhin geschafft, andere Anlässe verpasst er aber regelmäßig. In den vergangenen sieben Jahren haben die beiden nur ein Mal zusammen Elenas Geburtstag gefeiert. Kommende Weihnachten wird Steven auch nicht da sein. Oder neulich: Elena hatte Fieber, ihre Mandeln waren entzündet. »Ich war so schwach, ich konnte mir nicht mal einen Tee kochen. In solchen Situationen wünscht man sich, dass der Partner einen normalen Beruf hat.«

Sie krank, er am Strand

Statt ihr Tee ans Bett zu bringen, ließ sich Steven Tausende Kilometer entfernt die Sonne auf den Bauch scheinen. Es ist nämlich so: Wenn der »Bossman«, wie Steven den Chef nennt, eine Woche in Miami ausspannen will, ist auch Steven eine Woche dort. »Wenn er Urlaub macht, mache ich auch Urlaub.« Ein dreitägiger Geschäftstermin in Dubai? Für Steven und seinen Kollegen Zeit, einen Ausflug in die Wüste zu machen. Meeting in Zürich? Ab in die Alpen.

Eifersüchtig sind die beiden nicht, wie sie betonen – zumindest nicht mehr. »Wir sind schon so lange zusammen, das Vertrauen ist mit der Situation gewachsen«, sagt Elena. Was ihr jedoch schwer fällt: Während sie als Bankkauffrau nicht unbedingt große Abenteuer erlebt, sieht Steven regelmäßig die schönsten Plätze der Erde. »Ich gönne ihm das. Ich bin auch nicht neidisch, sondern eher traurig. Es wäre schön, wenn man die Orte zusammen entdecken könnte.« Immerhin: Während Steven unterwegs ist, hat Elena Zeit zum lernen, neben den Beruf studiert sie Bankbetriebswirtschaft.

Steven hat also schon viele Orte der Welt gesehen. Der schönste? »Bei uns zu Hause auf der Couch.« Die beiden versuchen, die gemeinsame Zeit so schön wie möglich zu verbringen. Meistens klappt das auch. Denn so kompliziert die Fernbeziehung auch ist, sie hat auch Vorteile. »Die Qualität der Zeit wird ganz anders wahrgenommen«, sagt Steven. Seine Ehefrau erklärt, was er meint. »Neulich hat sich eine Freundin bei mir beschwert, ihr Mann würde nie den Müll rausbringen. Wegen so etwas würden wir uns nie streiten, dafür ist unsere Zeit zu kostbar. Ich bringe den Müll dann einfach selber raus.« »Wir wissen, dass unsere Zeit Mitte des Monats abläuft«, ergänzt Steven, »da haben wir keine Zeit, uns zwei Tage lang beleidigt anzuschweigen.«

Doch es gibt auch Sachen, an denen die beiden noch arbeiten müssen. Wenn Elena nach einem harten Arbeitstag nach Hause kommt, ist sie platt. »Ich will nur noch in die Jogginghose und ab auf die Couch.« »Und ich habe die Stunden gezählt, bis sie endlich kommt, um was zu unternehmen«, sagt Steven. »Da auch meine Kumpels vernünftige Jobs haben, sitze ich tagsüber zu Hause und kann nichts machen. « Meist konzentrieren sich die beiden dann aufs Wochenende. »Inzwischen haben wir einen ganz guten Rhythmus gefunden.« Die Urlaubsplanung ist ebenfalls nicht so einfach. Steven: »So blöd es klingt: Jeden Tag im Hotel wohnen und an den Pool gehen, kann ich auch auf der Arbeit.« Die beiden machen daher am liebsten Kreuzfahrten.

Verheiratet, ein Haus zur Miete: Fehlen nur noch Kinder. »Das werden wir auch schaffen«, ist Elena überzeugt. Doch Steven wird beim Thema Nachwuchs nachdenklich. Was ist, wenn er zu viel verpasst? Wenn er nach Hause kommt und das Kind auf einmal laufen oder sprechen kann? »Papa wird wohl nicht das erste Wort sein«, sagt er. Als Fluggerätmechaniker kann er aber auch im Kfz-Bereich arbeiten. Außerdem ist er Theoriefluglehrer und Sprachprüfer für Piloten. »Wenn ich es nicht aushalte, mein Kind so lange nicht zu sehen, gibt es Alternativen.«

Doch so weit ist es noch nicht. Am Montag wird Steven erstmal wieder in den Flieger steigen. Die gemeinsame Zeit ist abgelaufen – zwei Tage vor Elena Geburtstag.

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