07. Januar 2016, 18:13 Uhr

Teurer Model-Traum

Friedberg (jw). Er wollte sich ein Zubrot verdienen, jetzt zahlt er drauf: Sven Fey ist auf eine Model-Agentur aus Berlin gar nicht gut zu sprechen. »Das ist Bauernfängerei«, sagt der 32-jährige Friedberger. 500 Euro hat er für Fotos bezahlt, die ein Jahr lang im Internet zu sehen waren. Fey hoffte auf Aufträge, bekam aber Rechnungen.
07. Januar 2016, 18:13 Uhr
Außergewöhnliche Typen sind auf dem Model-Markt gesucht. Sven Fey hat keine guten Erfahrungen damit gemacht. (Fotos: pv)

Wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen.« Mit solchen Sprüchen suchen Model-Agenturen neue Gesichter. Babys mit Kulleraugen, Männer mit Rauschebart für Weihnachtsmann-Fotos oder schräge Typen, die anders aussehen – Reality-TV-Formate suchen ständig neue Darsteller, der Markt für Models boomt. Im Sommer 2012 fand Sven Fey ein Schreiben im Briefkasten. Die Agentur Models Week aus Berlin lud ihn zu einem Fotoshooting in ein Hotel nach Flörsheim ein. »Ich will keine Model-Karriere machen. Ich wollte nur ein bisschen Geld dazuverdienen«, sagt Fey. Sein Gehalt als Sanitär-, Heizungs- und Klimatechniker reicht für ihn, seine Frau und die beiden Kinder im Vorschulalter gerade so zum Leben.

Wie die Agentur an seine Adresse kam, weiß Fey nicht. Gut möglich, dass die Mitarbeiter sein Foto in der »Bild«-Zeitung gesehen haben. Seine Frau hatte es an die Zeitung geschickt, bei einem Wettbewerb gewann er damit 800 Euro. Das Foto zeigt ihn hockend von der Seite, einige seiner Tattoos sind zu erkennen. Wie viele Tattoos er sich bislang hat stechen lassen, kann er nicht sagen. »Mein erstes Tattoo habe ich mir mit 14 Jahren stechen lassen. « Mittlerweile ist sein Rücken eine Art Bilderbuch, Oberkörper, Beine und der linke Arm bis zu den Handflächen sind ebenfalls mit Totenköpfen, Blumen und anderen Bildern verziert, selbst auf der Kopfhaut hat er Tattoos.

»Ich bin kein Schauspieler, habe da keine Erfahrungen. Aber in so einer dämlichen Serie von RTL 2 könnte ich den Bösewicht geben«, schmunzelt Fey. »Es ging mir auch um den Spaß und um eine neue Erfahrung.« Eine neue Erfahrung hat er gemacht, allerdings anders als gedacht. Sehr viele Leute seien zu dem Fotoshooting in Flörsheim gekommen. Die Mitarbeiter der Firma hätten ihm Hoffnungen auf lukrative Aufträge gemacht. Dann wurden Fotos geschossen. Fey: »Es musste alles ganz schnell gehen. Die haben mir einen Vertrag mit klein geschriebenen Paragrafen vorgelegt, ich hatte nicht mal Zeit, das alles durchzulesen.« Über die Kosten sei nicht größer gesprochen worden. Klar war, dass er einmalig 500 Euro zahlen sollte. Den Betrag hat er auch überwiesen, doch das war es dann auch schon. »Aufträge habe ich nie erhalten.« Die im Internet veröffentlichten Fotos nennt Fey »stümperhaft«: »Da habe ich bessere Selfies gemacht.«

Klageschrift schon vorbereitet

Ein Jahr habe er nichts von der Agentur gehört. Im letzten Jahr kam per Mail eine weitere Zahlungsaufforderung. Was Fey im Kleingedruckten überlesen hatte: Der Vertrag verlängert sich um ein Jahr, wenn er nicht drei Monate vor Ablauf schriftlich gekündigt wird. »Ich habe eine Mail zurückgeschickt und denen klargemacht, dass ich nicht zahlen werde. Dann habe ich wieder lange Zeit nichts gehört.« Als Fey aus dem Weihnachtsurlaub zurückkam, fand er einen weiteren Brief in der Post. Die Agentur informierte ihn, dass laut Mahnbescheid aus 2013 noch eine offene Forderung in Höhe von 365,37 Euro bestehe. Bis zum 2. Januar habe er den Betrag zu zahlen. Ansonsten werde man »die schon vorbereitete Klageschrift bei Gericht einreichen«. Es folgt der Zusatz: »Damit entstehen für Sie weitere Kosten.«

Sven Fey hat bislang nicht gezahlt. Er warnt vor solchen Firmen. »Es sind bestimmt noch mehr Leute betroffen. Vielleicht kann man gemeinsam etwas gegen diese Machenschaften unternehmen.« Wer ähnliche Erfahrungen gemacht hat, kann sich bei ihm melden (Tel. 01 78/7 15 70 52).

»Gut geölte Propagandamaschine«

Die Stiftung Warentest hat sich schon 2008 mit Models Week beschäftigt und stellt klar, dass sich die Firma nicht selbst um Jobs für Models bemühe. »Die Anzeige allein soll freie Fotografen animieren, Kontakt mit den Models aufzunehmen.« Wer einen Vertrag unterschrieben hat, sollte darauf achten, dass er »wenigstens nicht noch einmal zahlen« muss. Wer die Kündigungsfrist vergessen hat, werde zur Kasse gebeten. Sonst werde man verklagt. »Es drängt sich der Eindruck auf, dass der ›Modeltraum» mithilfe dieser Gruppe allenfalls durch Zufall wahr wird«, schreibt der Kölner Rechtsanwalt Gerrit van Almsick auf seiner Internetseite. Wer per E-Mail Kontakt mit den Models aufnehmen will, muss eine Gebühr entrichten. »Ich hatte ein Jahr das zweifelhafte Vergnügen, dort geführt zu werden, ohne irgendeinen Erfolg«, schreibt eine Frau in einem Blog. Es gibt im Internet aber auch Leute, die das Vorgehen der Model-Agentur verteidigen. Van Almsick: »Offensichtlich läuft hier also eine gut geölte Propagandamaschine.« (jw)

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