31. März 2016, 19:23 Uhr

Junge Frau aus Togo holt entschlossen den »Meistertitel«

Friedberg (har). Am Anfang stand ein Praktikum, nun hält Massama Bowessidjaou aus Togo ihren Meisterbrief in Orthopädietechnik in den Händen. Die junge Frau, die inFriedberg arbeitet, erzählt, welche Folge abendliches Lernen in Dortmund gehabt hat und welche Ziele sie sich für ein Leben in Afrika setzt.
31. März 2016, 19:23 Uhr
Massama Bowessidjaou geht engagiert zu Werke – so auch an der Nähmaschine, mit der sie ein maßgeschneidertes Korsett anfertigt. (Foto: Nici Merz)

Vor sechs Jahren kam Massama Bowessidjaou aus Togo nach Friedberg, um im Sanitätshaus Hähn ein halbjähriges Orthopädietechnik-Praktikum zu absolvieren (die WZ berichtete damals). Der in Marburg ansässige Verein »Projekt West-Afrika« hatte den Aufenthalt vermittelt. Die Tochter eines Biologieprofessors und einer Physiotherapeutin hatte zuvor in ihrer afrikanischen Heimat drei Semester Medizin studiert, was dort Voraussetzung für die dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin, ihren damaligen Berufswunsch, gewesen war.

Doch es kam anders: Bowessidjaou blieb zunächst fast fünf Jahre im Friedberger Sanitätshaus, das Praktikum wurde auf ein Jahr ausgedehnt. In dieser Zeit lernte sie in einer Sprachschule Deutsch. Es folgte eine dreijährige Ausbildung zur Orthopädietechnikerin.

Doch auch das war’s noch nicht, denn »Massama hat das alles mit so viel Elan gemeistert, da war ich mir sicher, dass sie auch den Meister in Orthopädietechnik schafft«, blickt Hähn zurück. So ging die Togolesin für ein Jahr an die Bundesfachschule für Orthopädietechnik (BUFA) in Dortmund. Vor zwei Wochen erhielt sie in feierlichem Rahmen gemeinsam mit 19 weiteren Kolleginnen und Kollegen nicht nur ihren Meisterbrief, sondern auch ein weltweit gültiges Diplom der ISPO, einer im Orthopädiebereich international tätigen Vereinigung, die eng mit der Weltgesundheitsorganisation WHO zusammenarbeitet.

Jetzt auch für Azubis zuständig

Zur Verleihung von Meisterbrief und Diplom war Peter Hähn ebenso nach Dortmund gereist wie Bowessidjaous Vater und deren Schweizer Patentante, die Bowessidjaou, ebenso wie Hähn, all die Jahre unterstützt hat. Nun ist die 28-Jährige wieder ins Sanitätshaus Hähn zurückgekehrt. »Ich will weiter Erfahrung sammeln, bevor ich spätestens in drei Jahren nach Afrika zurückgehe, um dann mein Wissen an andere weiterzugeben«, sagt die junge Frau, die die zwei vorgeschriebenen BUFA-Semester in Dortmund als sehr anstrengend bezeichnet.

Täglich pendelte sie von Düsseldorf, wo sie bei einer Freundin ihrer Mutter lebte, nach Dortmund. »Von beiden Städten habe ich nicht viel gesehen, aber auf der Düsseldorfer Kö einkaufen war ich schon«, sagt Bowessidjaou lachend. Meist verlies sie um 6 Uhr das Haus und kehrte oft erst nach 22 Uhr zurück. Abends widmete sie sich alleine ihren Arbeitsproben. Zweimal wurde sie sogar in der BUFA eingeschlossen. »Da musste ich den Direktor anrufen, damit er wieder aufschließt und mich raus lässt.« Hin und wieder kam sie für ein Wochenende zurück in die Kreisstadt. »Das letzte Mal war ich im Oktober hier, dann habe ich nur noch gelernt«, erzählt sie.

In dem Friedberger Geschäft wird sich die Diplom-Orthopädietechnikmeisterin jetzt auch um die drei Auszubildenden in der Werkstatt sowie um die Auszubildende zur Einzelhandelskauffrau kümmern. »Sie kann ihr Wissen sehr gut vermitteln«, lobt Peter Hähn. Bowessidjaou kann sich vorstellen, später in Togo oder einem anderen afrikanischen Land an einer Schule Orthopädietechnik zu unterrichten.

»Bei uns in Afrika gibt es viel mehr Theorie in der Schule als Praxis vor Ort«, erläutert Bowessidjaou, die nun in das Haus der Hähns gezogen ist. »Das war die einfachste Lösung. Unsere Kinder sind aus dem Haus und wir haben daher genügend Platz«, sagt Peter Hähn. Die abschließende Frage, was ihr an Deutschland und den Deutschen besonders gefällt, beantwortet sie so: »Ich bewundere den Elan, den die Deutschen haben. Sie sind immer genau strukturiert.«

Der Weg zum Meisterbrief

Alle Meisterprüfungen im Handwerk bestehen aus vier Bereichen: der fachpraktischen sowie fachtheoretischen Prüfung, einer arbeitspädagogischen Prüfung nach der »Ausbilder-Eignungsverordnung« sowie einem wirtschaftlichen und rechtlichen Prüfungsteil. In der fachpraktischen Prüfung musste Massama Bowessidjaou vier Arbeitsproben vorlegen – wie die Anfertigung eines Stützmieders, den Gipsabdruck eines Unterarms mit Erstellung eines Gipsmodells sowie die Anfertigungen einer Unterschenkel-Orthese und einer Sitzschale nach Vakuum-Abdruck für einen Rollstuhl. Als Meisterstücke fertigte sie eine Oberschenkelprothese und eine Ganz-Bein-Orthese an. Neben der Anfertigung der beiden Stücke musste sie eine Kalkulation, eine technische Zeichnung, eine Anamnese und die dazugehörige Dokumentation vorlegen. Deutsch lernte sie nur das erste Jahr an einer Sprachschule. »Alles andere war Learning by Doing« sagt Massama Bowessidjaou.

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