09. Juni 2016, 17:53 Uhr

24-Stunden-Serie: Akten statt Schnitzel

Friedberg (jw). Es ist 13 Uhr, andere Leute machen jetzt Mittag. Nicht so Michael Stotz. Bei ihm gilt: Das Ehrenamt geht vor dem Jägerschnitzel. Der Stadtbrandinspektor von Friedberg nutzt die Mittagspause, um auf der Feuerwache nach dem Rechten zu sehen oder im Rathaus Absprachen mit Amtsleiter Jürgen Schlerf zu treffen.
09. Juni 2016, 17:53 Uhr
Eingespieltes Team: Stadtbrandinspektor Michael Stotz (l.) und Ordnungsamtsleiter Jürgen Schlerf sprechen in der Mittagspause über Anschaffungen für die Feuerwehr. (Foto: Wagner)

Ob zum Anforderungsprofil eines Stadtbrandinspektors auch stoische Gelassenheit zählt, ist nicht bekannt. Aber verkehrt ist es vermutlich nicht, wenn ein Feuerwehrchef die Ruhe bewahrt und beim Einsatz nicht in Hektik verfällt. Auf Michael Stotz trifft das zu. »Mich wirft nichts um«, sagt der 46-jährige Friedberger Feuerwehrchef. Gefragt, ob es ihm nichts ausmache, nahezu jede Mittagspause dafür zu nutzen, seinem Ehrenamt nachzugehen, zuckt er mit den Schultern. »Ich esse abends.« Damit ist das auch geklärt.

Wir haben uns im Rathaus im Büro von Ordnungsamtsleiter Jürgen Schlerf verabredet. Brandschutz fällt in Schlerfs Ressort, die beiden haben verschiedene Dinge zu klären, es geht um die Mittelanmeldung der Freiwilligen Feuerwehr für den Haushaltsplan 2017 (Welche Gerätschaften müssen angeschafft werden?) und um die Umstellung des analogen auf den digitalen Funkverkehr. »Ich halte das für grenzwertig, dass ein Stadtbrandinspektor den Job im Ehrenamt erledigt«, sagt Schlerf. »Der Gesetzgeber sieht das so vor«, sagt Stotz. Dann zuckt er mit den Schultern. Wenn’s so ist, dann ist es halt so. Dabei hat Stotz in seinem Brotberuf schon genug zu tun. Als Geschäftsführer der Diakoniestation Friedberg ist er für 70 Mitarbeiter in drei Einrichtungen (neben der Kreisstadt auch in Butzbach und Bad Vilbel) verantwortlich, erledigt Personalangelegenheiten, die Finanzen, den Geschäftsverkehr mit den Pflegekassen. Morgens, mittags und oft auch abends ist er Stadtbrandinspektor, der den Kontakt zu den Wehrführern hält und dann, wenn’s brennt, wenn ein Keller vom Hochwasser oder ein verunglückter Autofahrer aus dem Unfallwagen befreit werden muss, zur Stelle ist. Hängt da zu Hause nicht der Haussegen schief? »Nö«, sagt Stotz. »Alles gut, sagt meine Frau. Sie war früher selbst in der Feuerwehr aktiv, die kennt das.«

Im August 2000 wurde Stotz erstmals für fünf Jahre in das Amt des Stadtbrandinspektors gewählt, als Nachfolger von Lothar Müller, der im Rathaus Leiter des Brand- und Katastrophenschutzes wurde. Seine Feuerwehrkarriere begann aber viel früher, erzählt er: »Das war 1981 beim Hochwasser in Bruchenbrücken.« »Eine Katastrophe, wie sie noch nie da war«, titelte die WZ damals. Der halbe Ort versank in den Fluten, auch der Keller seiner Eltern lief voll Wasser. Stotz, damals elf, beschloss, in die Jugendfeuerwehr einzutreten. Wie die Feuerwehrleute, die pausenlos im Einsatz waren, wollte er »tun, was nicht jeder tun würde, aber unbedingt notwendig ist, damit die Gemeinschaft funktioniert«.

Jede Menge Aufgaben

Im Grunde, sagt er, sei das heute noch sein Antrieb, auch nach 16 Jahren an der Spitze der Friedberger Feuerwehr. Die kann im Ernstfall auf 216 Einsatzkräfte zurückgreifen, sagt Stotz: »Dazu kommen knapp 100 Jugendliche und die Alters- und Ehrenabteilung.« Für eine Stadt mit sieben Stadtteilen eine sehr ordentliche Zahl. Stotz schreibt Alarmpläne, stellt Brandsicherungsdienste für Veranstaltungen zusammen, organisiert die Ausbildung, achtet darauf, dass alle Feuerwehren gut ausgestattet sind, und ist beim Einsatz in der Regel der, bei dem alle Fäden zusammenlaufen. »Dazu zählt auch die Koordination mit den Rettungsdiensten oder die Frage, wo Opfer von Wohnungsbränden vorübergehend untergebracht werden.«

Alle 20 bis 25 Jahre muss ein Feuerwehrauto ausgetauscht werden, ein neues Fahrzeug kostet zwischen 250 000 und 500 000 Euro, eine Drehleiter schon mal 700 000 Euro. Solche Summen erfordern ein umsichtiges Planen, gerade angesichts der Tatsache, dass die Kreisstadt finanziell nicht auf Rosen gebettet ist. »Ich berate alle Anschaffungen mit den Wehrführern«, sagt Stotz. »Wir konnten in den letzten Jahren alle Forderungen der Feuerwehr erfüllen, wenn auch manches aufs nächste Jahr verschoben werden musste«, ergänzt Schlerf. »Das Stadtparlament weiß, dass die Feuerwehren keine ›goldenen Wasserhähne» bestellen.«

Apropos »goldene Wasserhähne«: Stotz und Schlerf müssen noch die Anschaffungen für das nächste Haushaltsjahr durchsprechen, ohne die Presse. Der Reporter verabschiedet sich, von der Mittagspause bleiben gerade mal noch 15 Minuten. In Hektik verfällt Stotz deshalb aber nicht. »Im Ernstfall muss man als Stadtbrandinspektor innerhalb von Sekunden eine Entscheidung treffen«, sagt er zum Abschied. »Hektik stört da nur.«

24 Stunden – 24 Menschen (6)

Jeder Tag hat 24 Stunden, jede Einzelne kann besonders sein, je nachdem, wie man sie nutzt. In unserer Serie »24 Stunden – 24 Menschen« besuchen wir zu jeder Stunde einen anderen Ort und treffen dort auf einen Menschen aus dem Wetteraukreis. Wir wollen den Alltag in der Region zeigen. Weder ein spezielles Ereignis noch eine Ausnahmesituation sollen dabei im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch, auf den wir treffen, und seine Umgebung, seine Gedanken, seine Sorgen, aber auch sein großes Glück. Was im Wetteraukreis in 24 Stunden passiert, zeigen wir in 24 Folgen.

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