14. April 2008, 17:26 Uhr

»Zuneigung und Liebe kamen auf mich zurück«

Friedberg-Ockstadt (har). Ockstadt ohne Pfarrer Gebhard, das können sich viele Ockstädter noch gar nicht vorstellen. Doch nach 33 Jahren im Kirschendorf sowie 15 in der Rosbacher St.-Michael-Gemeinde ist Gebhard nun in den verdienten Ruhestand getreten. Am Sonntag wurde der Geistliche Rat mit einer Eucharistiefeier und einem Festakt in der St.-Jakobuskirche verabschiedet, nach einem Festgottesdienst am Abend zuvor in Rosbach.
14. April 2008, 17:26 Uhr
Abschied von Ockstadt nach 33 Jahren: Geistlicher Rat Dr. Horst Gebhard (rechts) erhält aus den Händen von Generalvikar Dietmar Giebelmann die Entlassungsurkunde. (Foto: har)

Voll besetzt war die Kirche, als Gebhard mit weiteren zehn katholischen und vier evangelischen Pfarrern sowie über 60 Messdienern unter den Klängen der Jagdhorngruppe des Gesangvereins »Frohsinn« in die Kirche einzog. Gebhard begrüßte Generalvikar Dietmar Giebelmann, Dekan Hans-Jürgen Wahl und für die in großer Zahl anwesenden Vertreter der politischen Gremien Bürgermeister Michael Keller sowie Karl-Günther König für die Ortsvereine. Grüße gingen an die Ordensschwestern sowie an Vertreter der beiden Kirchengemeinden. In seiner letzten Predigt ging Gebhard ausführlich auf sein Wirken im Kirschendorf, aber auch auf seine vor ihm liegende wissenschaftliche Arbeit ein.

In den zurückliegenden 33 Jahren hat Gebhard 676 Kinder getauft, 706 junge Christen zur Ers-ten Heiligen Kommunion geführt, 246 Paare getraut und 641 Gemeindemitglieder beerdigt. »Der Abschied eines Pfarrers von seiner Gemeinde hat auch etwas mit Sterben zu tun, denn Sterben bedeutet Abschied nehmen von Menschen, Ereignissen und Dingen, die einem lieb und wert sind«, so Gebhard. Besonders stolz sei er auf die große Ministrantengruppe, die Erwachsenenschola, den Frauenkreis und »die 16 Frauen, die für Gotteslohn unsere Kirche reinigen und auch meine neue Wohnung«. Alle Gebäude und die Kirche, mit Ausnahme des Pfarrhauses, seien in Ordnung, die Rücklage nicht gering, »und das ist kein schlechtes Zeichen für einen scheidenden Pfarrer«, sagte Gebhard, der anschließend auf die Gräueltaten gegen Christen während der französischen Revolution einging. Dies hat seinen Grund, wird er doch ein Buch über dieses Thema schreiben. Abschließend zog Gebhard ein positives Fazit seiner 40-jährigen Priesterzeit: »Intensiv habe ich gespürt, dass die Zuneigung und Liebe, die ich Ihnen schenkte, noch in höherem Maß auf mich zurückkam.«
»Gott behüte Sie auf all ihren Wegen«

Für seinen Nachfolger hatte Gebhard noch einen Tipp parat: »Gehen Sie durch das Dorf, sprechen Sie mit den Menschen. Feiern Sie Feste, die man in Ockstadt zu feiern versteht.« Er werde sich aber nicht in die Angelegenheiten der Kirchengemeinde und des neuen Pfarrers einmischen, denn jüngere Leute brauchten niemanden, der ihnen über die Schulter schaut. »Gott behüte Sie auf all ihren Wegen«, waren die letzten Predigtworte, danach gab es nicht enden wollenden Beifall der Kirchenbesucher.

Generalvikar Giebelmann würdigte in Vertretung von Kardinal Karl Lehmann Arbeit und Lebensweg Gebhards. Immer wieder zitierte er aus dem Bewerbungsschreiben des jungen Abiturienten Gebhard aus dem Jahr 1962. »Horst Gebhard hat sich um die Menschen gesorgt«, erklärte Giebelmann, der besonders auf dessen soziales Engagement sowie das ständige Bemühen für Schwache und Notleidende einging. Giebelmann verlas ein Schreiben Kardinal Lehmanns an Gebhard und überreichte die Urkunde.

Der Gottesdienst wurde musikalisch umrahmt von der Erwachsenen-Schola sowie Rainer Bingel an der Orgel, die beiden Chöre »Eintracht« und »Frohsinn« bildeten einen großen Chor mit fast 110 Sängerinnen und Sänger. Für dieses seltene Ereignis gab es erneut langen Beifall. Den Festakt eröffnet Dekan Wahl, der feststellte, dass Gebhard alle Veränderungen im Dekanat in den letzten 30 Jahren unbeschadet überstanden habe. Wie alle folgenden Redner ging auch Wahl auf das vielfältige Engagement Gebhards für Kirche und Gemeinde ein. Auf Wunsch Gebhards sprach der aus Ockstadt stammende Priesteramtskandidat Christian Stallmann, der ein besonderes Motto verkündete: »Alle Räder stehen still, wenn Horst Gebhard es so will. « In seiner launischen Rede nahm Stallmann kein Blatt vor dem Mund: »Es war mit dir nicht immer ganz einfach – alter Sturkopf.« Gebhard bleibe für ihn immer »Vorbild als Priester und Freund als Mensch«. Gerd Knapp, Vorsitzender des Pfarrgemeinderats, bekannte, »dass es der Gemeinde und mir persönlich schwer fällt, von Ihnen Abschied zu nehmen«. Kapp würdigte Gebhards Bemühen, die Vereine in das kirchliche Leben einzubeziehen. Für den Rosbacher Pfarrgemeinderat stellte Ursula Lang fest: »Wir haben einen facettenreichen Pfarrer erlebt, der auch Autor und Fastnachter war.« Jugendliche ihrer Gemeinde hätten einmal gesagt: »Unser Pfarrer ist ein krasser Typ, und krass ist hier etwas sehr positives.« Der katholische Kindergarten sang Lieder, und die künftigen Schulkinder zeigten einen Tanz. Leiterin Ingeborg Dienst dankte für die vertrauensvolle Zusammenarbeit und sagte: »Sie waren für uns alle ein toller Chef.« Mit »Viel Glück und viel Segen« sowie einem eigens für Gebhard getexteten Ockstadt-Lied verabschiedeten sich Kinder und Erzieherinnen.

Den Einsatz Gebhards für die Ökumene hob die evangelische Pfarrerin Sylvia Grohmann hervor: »Dank Ihnen spielt die Konfession in Ockstadt Gott sei dank keine Rolle mehr.« Gebhard habe die Gemeinde geprägt, sei längst »eine Institution«. Bürgermeister Keller sagte, als gelernter Historiker habe er viele Berührungspunkte mit dem Geschichtsforscher Gebhard. »Es ist spannend, dass sie von Ockstadt nach Friedberg gehen und wir jetzt quasi Nachbarn sind.« Da Gebhard nur gut 100 Meter Luftlinie vom Rathaus entfernt lebe, lud Keller ihn ein, immer wieder mal über seine wissenschaftliche Arbeit zu diskutieren sowie ein Jahr lang alle Theaterveranstaltungen und geschichtlichen Vorträge in der Stadt kostenlos zu besuchen.
Salutschüsse und ein Platzregen

Die Grüße der Vereine sowie von CDU und SPD überbrachte ARGE-Vorsitzender König. Als Überraschung kündigte er ein Salutschießen des Schützenvereins auf dem Jakobus-Platz an. Es folgten Grußworte von Rita Bauer, kommissarische Leiterin der Ockstädter Grundschule, sowie von Harald Löffler im Namen der »Jakobus-Connection«, dem in Ockstadt bestens bekannten Stammtisch, dem Gebhard seit vielen Jahren angehört. Nach dem letzten Liedvortrag der Chöre dankte Gebhard allen Rednern, lud zum Empfang auf dem Kirchplatz ein und meinte: »Ich wusste gar nicht, dass ich so ein krasser Typ bin. « Nach dem Salutschießen des Schützenvereins verabschiedeten sich die Besucher bei Sekt, Brezeln und Schmalzbrot persönlich von Gebhard, bis ein Platzregen dafür sorgte, dass viele Besucher nach insgesamt vier Stunden den Heimweg antraten. »Kaum ist er nicht mehr unser Pfarrer, klappt's mit dem Wetter nicht mehr«, kommentierte ein Ockstädter.



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