19. April 2010, 19:06 Uhr

Das Kleingedruckte steht auf der Rückseite

Friedberg (aja). Drückerkolonnen sind seit einiger Zeit auf der Kaiserstraße unterwegs. Junge Leute sprechen Passanten an, werben vordergründig um Unterstützung für ein soziales Projekt, wollen aber tatsächlich Zeitschriften-Abonnements an den Mann und die Frau bringen.
19. April 2010, 19:06 Uhr
Die Falle schnappt zu: Nichtsahnend, dass sie ein Jahresabo unterschriebt, setzt eine Passantin ihre Unterschrift auf den unteren Teil des Vertrags, ohne den ganzen Inhalt zu kennen. (Fotos: aja)

Beschwerden gebe es bislang keine, hieß es bei der Polizeistation Friedberg, wo man aber weiß: Die kommen meist erst Wochen nach der Anwerbung, und dann ist es zu spät.

Seit drei Wochen kann es passieren, dass man auf der Kaiserstraße gefragt wird, ob man 18 Jahre alt sei. Den Passanten, die jene Frage bejahen, wird ein Projekt vorgestellt, bei dem man Hartz-IV-Empfängern, einer Schulklasse in finanzieller Not oder ehemaligen Drogenabhängigen helfen soll. Es folgt ein Verkaufsgespräch, unter dem Deckmantel der Fürsorge. Die nächsten zwei Monate, erfährt man, könne man gratis Zeitschriften bekommen; nach Ablauf der acht Wochen folge die Bitte, einen Fragebogen zur Qualität der zugesendeten Zeitschriften auszufüllen. Jedoch fällt schnell eine Ungereimtheit auf: Zum einen soll der Passant sich bereit erklären, an einem Hilfsprojekt für Bedürftige teilzunehmen, zum anderen gehe es darum, die Zeitungszusteller zu kontrollieren. Man vermutet offenbar, die Zeitschriften würden nicht ordnungsgemäß verteilt. Der gutgläubige Bürger sieht über diese Doppelfunktion des »Projekts« hinweg und geht kritiklos auf das Gespräch ein.

Den Passanten wird versichert, dass nach Ablauf der zwei Monate alle persönlichen Daten wieder gelöscht würden. Zum Dank sei der Verlag sogar bereit, dem Probanden eine Reisegutschrift im Wert von 100 Euro zukommen zu lassen, wenn man seine Bankdaten niederschreibt.

Bei der Unterzeichnung des Papiers, das das Abkommen zwischen Vertreter und Kunde besiegelt, wird dem Passanten ein gefaltetes DIN-A5-Blatt vorgelegt, das zu signieren ist. Man unterschreibt in dem Glauben, keine finanzielle Verpflichtung einzugehen. Nur einem geschulten Auge fällt auf, dass man den Vertrag nicht gänzlich einsehen kann. Erst nach der Unterzeichnung erhält der Passant den Durchschlag und wird verabschiedet. Beim Aufklappen des Zettels fällt dann auf, dass sich auf der anfangs nicht einsehbaren Hälfte des Vertrags eine Zustimmung mit den Worten »Ja, ich möchte 2 Monate kostenlos sowie weitere 12 Monate gegen Rechnung erhalten« befindet. Kündbar ist dieses Abonnement erst nach 14 Monaten.

Amtsleiter Jürgen Schlerf bestätigt, dass das Ordnungsamt der Stadt derzeit nichts von den Verlags-Vertretern weiß. Für das Verteilen von Handzetteln, wie es Vereine oder Tierschutz- und Umweltorganisationen machen, sei keine Genehmigung nötig. Handele es sich jedoch um Zeitschriften-Abos, müsse eine Erlaubnis eingeholt werden. »Aber für so etwas«, sagt Schlerf, »ist die Kaiserstraße eigentlich nicht da.« Auch bei der Polizei sind derzeit noch keine Beschwerden eingegangen, jedoch heißt das nicht, dass es keine Geschädigten gibt. Zumeist melden sich die Opfer erst Wochen später, wenn es für ein Widerrufsrecht beim Verlag zu spät ist. Um auf solch ein Angebot nicht unwissend einzugehen, sollte der Passant sich stets erkundigen, worum es sich wirklich handelt und gegebenenfalls genau nachfragen. Desweiteren empfiehlt es sich genauestens durchzulesen, was man unterschreibt. Ein zweiter Blick, ob der Vertrag uneinsichtig gefaltet ist, sollte riskiert werden. Ist es bereits geschehen, ist man berechtigt, sein unterschriebenes Formular vom Vertreter zurückzufordern. Ist es auch dafür zu spät, da man sich den Zettel erst zu Hause angesehen hat, hat man zwei Wochen Zeit, um von seinem Widerrufsrecht Gebrauch zu machen.

Gründlich hinterfragen

Jörg Reinemer, Polizeipressesprecher in Friedberg, rät zur Sperrung der Bankverbindung für diese Firma. Die Widerrufsfrist endet meist nach zwei Wochen. Hat der Betroffene die Frist versäumt, bleibt ihm nur die Drohung mit dem Anwalt. Um nicht vollkommen misstrauisch jedem Verein und jeder Organisation mit Handzetteln gegenüber sein zu müssen, hilft es, sich die Zeit zu nehmen, um gründlich zu hinterfragen, worum es sich bei Bitten um Spenden oder der Teilnahme an einem Projekt wirklich handelt.

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