04. August 2010, 17:00 Uhr

Zum Praktikum eigens aus Afrika angereist

Friedberg (har). Ferienzeit ist Praktikantenzeit. Studenten und Schüler höherer Klassen lernen die Berufswelt kennen, und meist kommen sie aus der näheren Umgebung. Peter Hähns Praktikantin jedoch kommt aus Togo.
04. August 2010, 17:00 Uhr
Praktikantin aus Togo: Peter Hähn und Massama Bowessidjaou mit einer Manschette, die nach dem Gipsabdruck ihres Armes entstand. (Foto: har)

Seit vier Wochen absolviert die 23-jährige Massama Bowessidjaou ein halbjähriges Praktikum in Orthopädietechnik im Sanitätshaus Hähn. Den Kontakt vermittelte der in Marburg ansässige Verein »Projekt West-Afrika«. Dessen Vorsitzender, der Arzt Sodogan Akoete, der selbst aus Togo stammt, fragte im Herbst letzten Jahres bei Peter Hähn an, ob Massama ein Praktikum bei ihm beginnen kann. Der Orthopädietechnikmeister stimmte zu, doch zunächst galt es etliche bürokratische Hürden zu überwinden.

Massama Bowessidjaou hat in ihrer afrikanischen Heimat nach der Schule zunächst drei Semester Medizin studiert, was dort Voraussetzung für die dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin ist. Ihr Vater ist Biologieprofessor an der Universität von Lomé, die Mutter arbeitet als Physiotherapeutin. Nach der bestandenen Prüfung will Massama sich nun in der Orthopädietechnik fortbilden und gleichzeitig ihre Deutschkenntnisse verbessern.

Die zunächst geforderte offizielle Einladung an die junge Togolesin reichte dann doch nicht aus. Die deutsche Botschaft in Lomé bestand auf einen Praktikumsvertrag, um ein Visum zu erteilen. So schickte Hähn einen Vertrag an die Botschaft. Nicht schlecht staunte er aber, als er von einem Mitarbeiter des Ausländeramts des Wetteraukreises informiert wurde, der Vertrag liege nun bei ihm vor. »Das hätten wir auch einfacher haben können, wir schauen uns ja praktisch gegenseitig in die Fenster«, meint Hähn lachend.

Über eine Anzeige im Mitteilungsblatt der katholischen Kirchengemeinde wurde ein Zimmer gefunden, nun lebt Massama in einer kleinen Wohnung zusammen mit einer Auszubildenden von Hähn aus Brandenburg in der Gartenfeldstraße. Zur Vorbereitung ihres Deutschlandaufenthaltes besuchte sie in ihrer Heimatstadt Lomé, der Hauptstadt Togos, einen halbjährigen Deutschkurs. Ihre Deutschkenntnisse verbessern sich nun täglich, denn »sie lernt unglaublich schnell«, sagt Hähn. Zusätzlich zu ihrer Arbeit besucht sie eine Sprachschule. Die Arbeit im Sanitätshaus macht der 23-jährigen großen Spaß. Stolz präsentiert sie ihre erste, noch nicht ganz fertiggestellte Arbeit, eine Unterarmmanschette, bei deren Herstellung »sie acht ganz unterschiedliche Arbeitsgänge auf einmal lernt«, erläutert Hähn. Die Manschette entsteht nach einem Gipsabdruck ihres Armes, und dabei lernt die Praktikantin, wie man Leder zuschneidet, füttert und näht, sowohl mit der Hand als auch mit der Nähmaschine.

Dass ihr die Arbeit Spaß macht, sieht man Massama an. Ihr gefällt es im Sanitätshaus und in der Kreisstadt sehr gut, auch wenn sie hin und wieder Heimweh nach ihren Eltern und ihren drei Geschwistern hat. »Ich bin im Internet mit ihnen im Kontakt und das ganz viel«, erzählt sie. An den Abenden sitzt sie viel am Computer, schickt Mails nach Togo oder beschäftigt sich mit Computerspielen. Auch mit dem deutschen Essen hat sie sich schon angefreundet, doch »am liebsten mag ich Spaghetti«, erzählt sie lachend.

Ganz neu für sie waren Erdbeeren, die sie mit dem Ehepaar Hähn in Ockstadt gepflückt hat, und auch die Ockstädter Kirschen lernte sie kennen: »Die schmecken richtig gut.« Peter Hähn versucht derweil, seine auswärtigen Termine so zu legen, dass noch Zeit bleibt, seiner afrikanischen Praktikantin auch etwas von der Umgebung zu zeigen. Einen Geschäftstermin in Schotten legte er so, dass er zusammen mit Massama noch den Hoherodskopf besuchen konnte.

Den Fürst Bismarck kennt sie

Eine Überraschung erlebte Hähn bei einem Besuch in Koblenz. Als Massama am Deutschen Eck das monumentale Denkmal sah, rief sie: »Das ist Bismarck.« Den deutschen Reichskanzler kennt sie aus dem Geschichtsunterricht, Togo war einst eine deutsche Kolonie.

Hähn und seine Praktikantin sind sich einig: Eigentlich reicht ein halbes Jahr nicht aus, um die gesamte Orthopädietechnik zu erlernen, auch »wenn sie wirklich unglaublich schnell begreift und lernt«, so Hähn. Eine Ausbildung zum Orthopädietechniker dauert dreieinhalb Jahre. Trotz des Heimwehs: Massama würde gern noch ein halbes Jahr länger in Deutschland bleiben. Doch ob dies möglich sein wird, »ist derzeit noch unklar«, sagt Hähn.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Computerspiele
  • Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten
  • Praktika
  • Sprachschulen
  • Studenten
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos