15. August 2011, 10:25 Uhr

600 Bürger diskutieren die Umgestaltung der Kaiserstraße

Friedberg (jw). »Nö«, meinte die 49-jährige Friedbergerin auf die Frage des Journalisten, ob sie glaubt, dass die Politiker die Anregungen der Bürger umsetzen. »Aber ich hoffe es.« Andere waren zuversichtlicher. 600 Bürger waren am Freitag in die Stadthalle gekommen, um über die Umgestaltung der Kaiserstraße zu diskutieren.
15. August 2011, 10:25 Uhr
Auch Baumeister Hermann Mangels, mit 90 Jahren der älteste Diskussionsteilnehmer, denkt über die Zukunft der Kaiserstraße nach.

In dem über dreistündigen Meinungsaustausch stießen besonders die Anregungen des Friedberg Forums auf Zustimmung. Eine Kaiserstraße mit Alleencharakter oder nicht doch eher mit Platzcharakter – dieser Einwand, meinte ein 58-jähriger Friedberger am Ende, sei bedenkenswert. Wie die Kaiserstraße nach der Umgestaltung tatsächlich aussieht, entscheiden nun die politischen Gremien.

Die Politiker sollten erst den Bürgern zuhören und dann entscheiden, hatte Bürgermeister Michael Keller als Vorgabe an die Bürgerversammlung ausgegeben. Viele Politiker waren gekommen, aber vor allem viele Bürger. Die Kaiserstraße brennt den Friedbergern unter den Nägeln. Eine knappe Stunde dauerte es, bis sie das Wort erhielten. Zuvor hatte Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender die Bürger begrüßt, hatten Keller und Verkehrsplaner Prof. Jörg von Mörner das Entwurfskonzept für die Umgestaltung der Kaiserstraße vorgestellt und hatten Vertreter von Interessensverbänden ihre Sicht der Dinge dargelegt.

Laut Keller geht es im Grunde um die Frage, welche Aufgabe die Kaiserstraße zwischen Burg und Sparkasse in den nächsten Jahrzehnten leisten soll. Um hier neues städtisches Leben zu ermöglichen, sind eine Reihe von Umgestaltungen geplant: unter anderem mehr Platz für Fußgänger, Radfahrer, die Außenbewirtschaftung und den Wochenmarkt, neue Lampen, mehr Sicht auf die historischen Fassaden und damit die Fällung der alten Bäume samt der Pflanzung einer neuen Allee. Ein ganzes Bündel an Maßnahmen ist vorgesehen.

Ein Knackpunkt bleiben die Bäume. Uwe Eckardt (BI Pro Baum) sagte, Bäume seien individuelle Lebewesen, die Respekt verdienten; die Umgestaltung sei auch mit Bäumen möglich. Jürgen Faust (NABU) stellte in Frage, ob eine Allee wirklich streng in Reih und Glied stehen und nur aus gleichaltrigen und -artigen Bäumen bestehen müsse.

Aber muss es überhaupt eine Allee sein? Diese Frage stellte sich nach dem Beitrag von Matthias Kölsch, der für das Friedberg Forum sprach. »Wird’s am Ende hübsch?« Darum gehe es, sagte der Architekt und forderte eine »rhythmische Betrachtung« der Kaiserstraße, mit einzelnen »Standpunkten«, sprich mit wechselnden Gestaltungen: da ein größerer Platz, dort ein Denkmal und hier eine Blickachse zur Stadtkirche. Kölsch nannte den vorliegenden Entwurf »zu verkehrslastig«, forderte, man müsse »radikaler und mutiger an die Sache rangehen« und bekam dafür viel Applaus.

Diesen Gedanken nahmen spätere Redner auf: Die Planung gehe vom Autoverkehr aus, um diesen herum würden die übrigen Flächen gruppiert, meinten mehrere Bürger und forderten, es müsse genau andersrum sein. Der Platzcharakter müsse mehr betont werden. Eher weniger Zustimmung fand der Vorschlag, die Kaiserstraße zur Fußgängerzone umzuwidmen. Dann sehe es dort aus wie in Dillenburg, und dort herrsche »Ödnis«, meinte eine Frau. Ein Architekt bescheinigte der jetzigen Kaiserstraße das »Flair der 70er-Jahre«, dem »architektonischen Tiefpunkt des 20. Jahrhunderts«, in dem die Stadtplanung ganz auf den Autoverkehr zugeschnitten war.

Mehr Platz für das Leben

»Platzartig« müsse die Kaiserstraße gestaltet werden; die Gestaltung müsse die Passanten auch in die Altstadt locken; Autos dürften dort fahren, das Hauptaugenmerk sollte aber nicht auf dem Verkehr, sondern auf dem Platz für städtisches Leben liegen: So lauteten einige der Anregungen, die vom Moderatorenteam an einer Flipchart notiert wurden. Andere Stichworte: keine Verkehrsschilder, keine Straßenmarkierungen, kein Buswendeplatz vor der Burg, einheitliche schmiedeeiserne Werbeschilder der Geschäfte und der Bau von Verkehrskreiseln, um die Raser zu stoppen.

Die Diskussion war nicht, wie befürchtet, »baumlastig«. Doch die Bäume boten immer wieder Diskussionsstoff. Die Wurzeln der jetzigen Linden, die auf die Tonnengewölbe der Keller stoßen, zerstörten das Pflaster, auf dem man oft festklebe, weil der Lindensaft darauf tropft, hieß es. Die Blätter versperrten die Sicht der Bewohner auf die Straße und der Gäste auf die historischen Fassaden. »Die schönsten Häuser sieht man nicht«, sagte ein Bürger. Andere waren mit einer Fällung ganz und gar nicht einverstanden, die Bäume müssten nur gestutzt werden, meinte ein Anwohner. NABU-Vertreter Faust räumte ein, dass er bei Baumfällungen »emotional« reagiere. Ein Friedberger fasste diese Haltung in der Beobachtung zusammen, es gehöre zum Zeitgeist, gegen Baumfällungen zu sein – selbst wenn neue gepflanzt werden.

Die Umgestaltung soll laut Bürgermeister Keller 4,63 Millionen Euro kosten. Man stehe seit längerem in Verhandlungen mit dem Land, es würden »massive Zuschüsse« erwartet. Die Anregungen der Bürger, versprachen Keller und Stadtverordnetenvorsteher Hollender am Ende, flössen nun in die weitere Beratungen ein. Auch dazu seien die Bürger eingeladen. Die Sitzungen des Stadtparlaments und der Ausschüsse seien öffentlich, sagte der Bürgermeister, im Bauausschuss seien die Parlamentarier oft »sehr allein«.



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