30. Juli 2012, 17:03 Uhr

Wetterauer Musiker rocken die Kölner Domplatte

Friedberg/Köln (har). Was machen Musiker, wenn sie gerade kein Engagement haben? Sie suchen sich eines auf der Straße. So kamen der Singer-Songwriter Martin Schnur aus Bauernheim und Sängerin Renate Gantz-Bopp auf die nicht alltägliche Idee, sich einmal als Straßenmusiker in Köln zu versuchen.
30. Juli 2012, 17:03 Uhr
Fotografieren, Mitmachen und Mitsingen: Die Wetterauer Musiker und Jugendliche aus England begeistern beim ihrem Auftritt als Straßenmusikanten die Zuschauer auf der Kölner Domplatte. (Fotos: har)

Das Vorhaben sprach sich schnell herum, und so reisten am Samstag elf Wetterauer mit der Bahn nach Köln. Mit dabei waren auch die WZ-Reporter Loni und Harald Schuchardt. Hier ihr Bericht von einer »feucht-fröhlichen« musikalischen Tour voller Überraschungen.

»Um 7.30 Uhr ist Treffpunkt auf Gleis 4, wir ziehen alle Schwarz-Weiß an«, lautete die Anweisung von Renate Ganz-Bopp. Am Samstag ging es mit Regionalzügen über Gießen und Siegen in die Domstadt. Für die Sängerin ging ein Traum in Erfüllung: »Ich wollte schon immer mal mit Martin Straßenmusik machen. Als ich das erzählte, wollten viele gleich mit.« Dabei waren Sabine Schmidt, Frauke Heinemann, Gisela Rausch, Christiane Gillert und Renate Müller, alles Sängerinnen des Gospelchors »Swinging Tones«. Dazu kamen Nicole Schweighardt, Andreas Böttcher, Peter Rausch und Oliver Bopp.

Die Hinfahrt genossen wir in »vollen Zügen«, der Umstieg in Siegen sollte laut Zugbegleiterin »zügig« vonstatten gehen: Eine Strecke von 200 Metern musste in zwei Minuten zurückgelegt werden, und das mit drei Karren voller Instrumente und Proviant. Martin Schnur, wie immer voller Ideen, lud im Zug zur Bastelstunde ein. Aus Strohhalmen wurden Blasinstrumente, aus leeren Küchenrollen, Plastikfolie und Gummis wurde ein Kazoo gebastelt. Die ersten Versuche nervten freilich eine »ruhebedürftige Mitreisende«, so dass die Tests in Köln stattfinden sollten. Doch die fielen im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser.

Kaum hatten wir den Hauptbahnhof verlassen, fing es an zu schütten. »Asyl« fanden wir im Dom-Forum gegenüber dem Kölner Wahrzeichen bei einem Becher Kaffee. Aber ohne Gesang, wie die Leiterin des Dom-Forums klarmachte: »Hier drin ist keine Musik erlaubt, aber wenn der Regen nachlässt, dürfen sie unter den Arkaden spielen.«

Für so viel Gastfreundschaft gab es »Give aways« von Renate: kleine Zettel an einem Band mit dem Spruch »Leben ist das, was geschieht, während wir auf die Erfüllung unserer Träume warten – Lebe deinen Traum...«. Auf der Rückseite konnten die Beschenkten ihren Traum notieren. Eine Idee, die im Laufe des Tages immer wieder gut ankam.

Nach einer halben Stunde verzog sich der Regen und die Gruppe stellte sich direkt vor dem Köln-Forum zum ersten Auftritt auf. Martin holte seine »Gitaline« heraus, eine kombinierte Gitarre mit Mandoline, Andreas stimmte seine Gitarre und mit zwei Flüstertüten fand ein »Soundcheck« statt. Gleich kam eine Gruppe junger Leute in blauen T-Shirts vorbei, die bei »Oh, Happy Day« begeistert mitsangen. Die Stimmung stieg und die Wetterauer Musiker vereinigten sich spontan mit Mitgliedern der »Sufford Youth Wind Band« aus England zu einem großen Chor. Die ersten Münzen fielen in den Gitarrenkoffer, alle waren begeistert: »Was für ein Auftakt«, freute sich Renate.

Der kleine Elvis von Köln

In Köln benötigt man keine Erlaubnis für Straßenmusik, muss aber alle halbe Stunde den Platz wechseln. Doch bevor wir weiter zum Wallraf-Platz vor das WDR-Sendegebäude zogen, kam einer jener Darsteller vorbei, die als historische Figuren verkleidet vor dem Dom auf Podesten stehen und sich gegen eine Spende fotografieren lassen. Er sei Musiker, arbeitslos und wolle ein Lied singen. Andreas gab ihm die Gitarre und dann staunten alle: Der junge Mann sang »Hound Dog« von Elvis und weitere Songs des »King«. Der junge Musiker entpuppte sich als Portugiese, der sich »Little Elvis from Cologne« nannte und mit den Wetterauer Straßenmusikern eine spontane Rock’n’Roll-Party vor dem Dom feierte.

Am Wallraf-Platz wie auch später in der Fußgängerzone gelang es Renate schnell, wildfremde Menschen zum Mitsingen zu animieren. »Die sind richtig gut«, meinte ein Zuhörer. Wie im Flug vergingen die ersten drei Stunden. Als es gegen halb Zwei wieder zu tröpfeln anfing und mancher Magen brummte, kehrten wir auf dem Weg zum »Alten Markt« in einer Pizzeria ein.

Nach einer Stunde regnete es noch immer. Spontan wurde unter einem Durchgang am »Jupp-Schmitz-Platz« gespielt, fast ohne Zuschauer. Nicole sang »Let the Sunshine in« und »California Dreaming«. Das muss der Wettergott gehört haben, denn keine 20 Minuten später schien zum ersten Mal die Sonne und es wurde immer schöner. Der »Alte Markt« erwies sich als eher ungünstiger Standort. »Die Leute im Eiscafé sind einfach nicht zu bewegen«, meinte Renate. So ging es nach zwei Songs wieder zurück auf die Domplatte. Und hier steppte der Bär. Unzählige Junggesellen- und Junggesellinnen-Abschiede wurden gefeiert. Renate schaffte es, drei Gruppen zu einem Chor zu vereinigen und schließlich zog eine endlose Polonaise über die Domplatte, beobachtet von an die 200 Passanten. Die filmten die »Crazy Germans« (so ein englisch sprechender Tourist) mit Handys und Kameras. Als Dank für die tolle Musik gab es nicht nur Kleingeld, sondern auch eine Flasche Sekt von einer Gruppe aus Thüringen.

Konzert im Zug

Nach diesem furioses Finale hatten wir noch eine gute Stunde Zeit für einen Besuch im Dom oder für ein Eis. Dann wurde die Rückfahrt angetreten, und die verlief anders als geplant. Wegen einer »Wagenstörung« fiel der Zug nach Siegen aus, eine andere Verbindung über Koblenz und Frankfurt wurde schließlich gefunden und ab Koblenz saß die Gruppe dann auch endlich wieder komplett in einem Abteil zusammen. »Singt doch mal«, meinte der Zugbegleiter. So wurde die zweistündige Fahrt in die Mainmetropole zu einem Dauerkonzert, bei dem auch die Mitreisenden ihren Spaß hatten.

Selbst der Fahrzeugführer hörte über Lautsprecher mit und bedankte sich »für die schönste Fahrt, die ich je hatte«. Bei so viel Lob fiel die 90-minütige Verspätung nicht mehr ins Gewicht, und als wir in Friedberg nach über 15 Stunden kurz vor 23 Uhr ankamen, regnete es. »Na und, war doch ein toller Tag«, meinte Martin. Und da hatte er Recht.

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