13. März 2013, 17:33 Uhr

Konditorei erteilt Hausverbot für den Blindenhund

Friedberg (jw). »Hunde müssen draußen bleiben.« Dieses Schild liest man an Bäckereien, Metzgereien oder Cafés. Doch gilt das auch für Blindenhunde? Nein, weiß Anette Lürding. Die blinde Sozialpädagogin wollte am Montag mit ihrem Blindenführhund Monty eine Friedberger Konditorei besuchen. Natürlich mit Hund, auf den sie angewiesen ist. Der Konditoreibesitzer aber wollte Monty aus Gründen der Hygiene nicht in seinem Café sehen.
13. März 2013, 17:33 Uhr
Bis hierher und nicht weiter: Anette Lürding und ihr Blindenführhund Monty sind ausgesperrt, der Cafébetreiber verweigert dem Hund den Einlass. (Foto: nic)

Er forderte Lürding auf, sie solle das Tier vor dem Geschäft anbinden. »Ein Unding« findet der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband, und auch beim Wetteraukreis wunderte man sich über dieses »Hausverbot«.

Lürding war in Begleitung einer Freundin, gemeinsam wollten sie eine Schülerin der Friedberger Blindenschule besuchen, die in der Konditorei ihr Praktikum absolviert. Doch sie kam nicht weit. Kaum hatten die Drei das Geschäft betreten, bekamen sie zu hören, Hunde seien hier nicht erlaubt. Zwar versuchte Lürding dem Besitzer zu erklären, dass es sich bei Monty nicht um ein normales Haustier, sondern um einen Blindenführhund handelt. Der gilt laut Gesetz als »Hilfsmittel«, man kann ihn daher nicht so einfach aussperren. Doch sie biss auf Granit. »Der Besitzer war völlig uneinsichtig. Ich bin, ob ich mit einer Freundin unterwegs bin oder alleine, auf den Hund angewiesen. Den bindet man nicht einfach so vor einem Geschäft an«, sagt Lürding. Ihr Blindenführhund hat eine umfangreiche Ausbildung genossen, die Krankenkasse hat dafür rund 25 000 Euro bezahlt. Aus dem Café-Besuch wurde nichts.

Robert Böhm, Sprecher des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes in Berlin, kennt solche Probleme. »Das kommt leider immer noch sehr oft vor«, sagt er. Die Gesetzeslage sei nicht eindeutig, die Lebensmittelhygienevorschriften besagten aber, dass man einen Blindenhund nicht unter Angaben hygienischer Gründe aus einem Lebensmittelgeschäft verweisen dürfe. Vorausgesetzt, der Hund ist im Führgeschirr oder an der Leine, was bei Monty der Fall war.

»Blindenhunde werden akzeptiert«

Der Hund sei Eigentum der Krankenkasse, Hundehalter hätten eine Aufsichtspflicht, erläutert Böhm. Die ist nicht gegeben, wenn das Tier vor dem Geschäft angebunden wird. Selbst wenn der Geschäftsinhaber auf sein Hausrecht poche, gelte: »Laut Behindertenrechtskonvention dürfen Blinde nicht benachteiligt werden. Das ist Diskriminierung. « Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen teilt auf seiner Internetseite mit, dass laut Bundesministerium für Verbraucherschutz »grundsätzlich nichts« dagegen spricht, Blindenführhunde mit in Lebensmittelgeschäfte zu nehmen. Kreispressesprecher Michael Elsaß sieht dies genauso: »Für unsere Hygieneaufsicht ist es akzeptabel, dass Blindenhunde in Metzgereien oder Bäckereien dürfen. Natürlich dürfen sie nicht in die Backstube. In der Regel sind solche Hunde aber sehr gut erzogen und verhalten sich ruhig.«

Der Konditormeister will das nicht gelten lassen: »Ich verkaufe Lebensmittel und finde, da sollte man keine Ausnahme machen.« Der Hund könne ja eine Krankheit mit sich tragen; andere Hundebesitzer könnten, wenn sie das Tier im Café sehen, darauf pochen, dass ihnen das auch erlaubt würde. »Zudem habe ich der Frau den Zutritt nicht verwehrt, sondern nur dem Hund. Sie war ja in Begleitung einer Bekannten.« Komme jemand mit Rollstuhl, helfe er gerne. Er habe nichts gegen Behinderte. Das zeige schon die Tatsache, dass er einer sehbehinderten Schülerin einen Praktikumsplatz zur Verfügung stelle.

»Natürlich hat er mir den Zutritt verweigert«, kontert Lürding. »Wenn mein Blindenführhund nicht mitkommen kann, bin auch ich ausgesperrt.« Sie fühlt sich diskriminiert. »Mein Hund begleitet mich in alle Lebensmittelgeschäfte und selbst zu Arztbesuchen. Sogar beim Hautarzt darf er mit. Der Fall zeigt einmal mehr: Behindert ist man nicht, man wird durch Mitmenschen behindert.«

Erst Wut, dann Traurigkeit

Der Blinden- und Sehbehindertenverband will laut seinem Sprecher ein Informationsblatt erarbeiten, um die Geschäftsinhaber besser aufzuklären. »Aber die Inhaber kleinerer Geschäfte erreichen wir oft nicht.« Das könnte der Behindertenbeirat des Wetteraukreises erledigen. Als der Vorsitzende Georg Wegner (Nidda) von dem Fall erfuhr, war er »erst total wütend, und dann ist die Wut einer großen Traurigkeit gewichen«. Wegner kann nicht verstehen, »das es immer noch Menschen gibt, die andere Menschen ausschließen«. Solche Menschen seien es, die tatsächlich »blind« durchs Leben gingen, weil sie die Benachteiligung von Behinderten nicht erkennen wollten. Wegner will den Fall im Behindertenbeirat aufgreifen und mit Veröffentlichungen auf das Problem hinweisen. »Da ist noch viel Aufklärungsarbeit nötig.«

Aber es gibt auch andere Beispiele: Bevor Lürding mit ihrem Blindenführhund am Montag die Konditorei aufsuchte, betrat sie versehentlich ein benachbartes Café. »Dort gab es nicht ein einziges ablehnendes Wort.«

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