04. April 2013, 11:08 Uhr

Blind für die Probleme der Blinden?

Friedberg (jw). Darf ein Blindenhund in eine Konditorei oder muss er – wie andere Hunde auch – draußen bleiben? Die Frage, die ein WZ-Bericht aufwarf, bewegt weiter die Gemüter. Obwohl die Antwort laut dem Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband klar ist: Er darf. In Leserbriefen und Chatforen wird dennoch diskutiert.
04. April 2013, 11:08 Uhr
»Monty ermöglicht mir mehr Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben«, sagt Anette Lürding über ihren Blindenführhund. (Foto: Wagner)

Während die einen den Konditor verteidigen und auf Hygienevorschriften verweisen, sehen andere darin eine Diskriminierung. Bei der blinden Sozialpädagogin Anette Lürding hat sich nun ein Kamerateam gemeldet und Aufnahmen gemacht; der Filmbeitrag soll demnächst im Fernsehen laufen.

»Ich bin froh, wenn alles vorbei ist«, sagt Anette Lürding. »Einige Kommentare waren sehr unangenehm. Es ist schon unangenehm, wenn man aus einem Café verwiesen wird. Aber was in Leserbriefen und im Internet geschrieben wurde, war teils sehr unqualifiziert und hat mich geärgert.« Mit ihrem Erlebnis an die Öffentlichkeit zu gehen, sei dennoch richtig gewesen. »Ich will für Aufklärung sorgen.«

Lürding wollte mit ihrem Blindenführhund Monty sowie einer Freundin eine Konditorei in Friedberg aufsuchen. Blindenhunde sind als Hilfsmittel für behinderte Menschen anerkannt, doch der Konditor gewährte ihr keinen Einlass, zumindest nicht mit Hund. Ein solches »Hausverbot« hat Lürding in Friedberg bislang noch nicht erlebt. Das Kamerateam der Produktionsfirma B. L. & P. Film und TV GmbH aus Kassel, das sich aufgrund des WZ-Berichts bei Lürding meldete, filmte daher auch zunächst positive Beispiele: Lürding und ihr Hund Monty wurden dabei begleitet, wie sie das Café Novum und den Tegut-Markt besuchen, dort wurden Firmenmitarbeiter interviewt.

Handwerkskammer widerspricht

»Die Reaktionen waren durchweg positiv. Es war überhaupt kein Problem, den Hund mit in die Geschäfte zu nehmen«, erzählt Sandra Sirrenberg, Redakteurin bei der freien Filmproduktionsgesellschaft. Die B. L. & P. Film und TV GmbH arbeite für private und für öffentliche Sender, größter Abnehmer sei das ZDF mit Sendungen wie »Hallo Deutschland« oder »Drehscheibe«. Derzeit wird der mehrminütige Film geschnitten, danach soll er einem Fernsehsender angeboten werden. Wann er zu sehen ist, stehe daher noch nicht fest.

»Monty hat sich als richtiger Filmstar erwiesen«, erzählt Lürding. Zig Kamera-Einstellungen mussten gedreht werden, Monty sei aber »sehr geduldig« gewesen. Auch der Konditor wurde interviewt, und er bleibt, wie er auch gegenüber der WZ sagte, bei seiner Meinung: »Ich habe nichts falsch gemacht und niemanden diskriminiert. In meinem Geschäft lege ich großen Wert auf Hygiene. Deshalb darf der Hund nicht rein.« Die Handswerkskammer und das Gewerbeaufsichtsamt hätten seine Auffassung bestätigt. Das sehen die Behörden allerdings anders. »Eine derartige Aussage wurde aus unserem Hause nicht getroffen«, sagt Alfred Allard von der Handwerkskammer Wiesbaden. Man vertrete die gleiche Position wie das Verbraucherschutzministerium. Die lautet: Blindenhunde dürfen in Cafés, Bäckereien und Lebensmittelgeschäfte. Allard: »Wie soll die Frau sonst an Lebensmittel kommen?«

Der Fachdienst Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung der Kreisverwaltung plädiert »für eine angepasste Umgehensweise«, teilt Pressesprecher Michael Elsaß mit. »Natürlich darf der Hund nicht in die Backstube laufen oder sonst wie mit den Lebensmitteln in Kontakt kommen. Aber in dem speziellen Fall ist der Mensch beim Einkaufen ja auf den Hund angewiesen und insofern geht das in Ordnung.«

Der Papst als leuchtendes Beispiel

In den – meist anonymen – Interneteinträgen wird das Thema nicht ganz so entspannt diskutiert. Mal werden Blindenführhunde »durch die Solidargemeinschaft der Versicherten teuer finanzierte Kuscheltiere« genannt, mal wird auf Hundehaare verwiesen, die man doch nicht auf dem Essen sehen möchte. Wobei ausgeblendet werde, dass auch Menschen, die Bäckereien betreten, Haare verlieren können oder, wenn sie erkältet sind, Bakterien hinterlassen, kommentiert Lürding. Der Grünen-Politiker Peter Hartung führte den neuen Papst Franziskus als leuchtendes Beispiel an: »Er empfing einen Blindenhund namens Asia samt Herrchen in seiner Audienz und segnete beide.«

Schmerzlich, erzählt Lürding, seien Bemerkung im Internet gewesen, dass sie offenbar ein »schwaches Ego« habe und dass der »normale Blinde« mit einem Taststock und einem Mobilitäts-Training »bestens bedient« sei. »Wenn sich die Leute nur mal vorher informieren würden, bevor sie so etwas schreiben. Ich möchte selbstbestimmt leben, dazu benötige ich meinem Blindenführhund. Mit ihm bin ich viel beweglicher, kann viel selbstständiger leben.« Mit einem Taststock bewege man sich als Blinder oder Sehbehinderter ganz anders, sei viel mehr eingeschränkt. Dass sehende Menschen dieses Problem nicht erkennen, leuchte ihr ein. Deshalb sei Aufklärung so wichtig. Damit Sehende nicht blind für Probleme von Blinden sind.

Konditorei erteilt Hausverbot für den Blindenhund

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