24. Januar 2017, 15:00 Uhr

Problem Durchschlafen

Albträume und Blasendruck

Wenn man nicht durchschlafen kann, kommen mehrere Gründe in Frage. Prof. Tibo Gerriets, Neurologie-Chefarzt am Bürgerhospital Friedberg, spricht über die Sucht nach Social Media, über Heißhungerund den Einfluss des Mondes.
24. Januar 2017, 15:00 Uhr
Gut einschlafen ist schon mal die halbe Miete, doch was ist, wenn man nicht einschlafen kann? Eine ganze Reihe Gründe kann es dafür geben, die Folgen reichen von Depressionen bis zur Unfallgefahr. (Fotos: dpa/Archiv)

Eine Studie der Universität Cardiff sorgt derzeit für Alarmstimmung: Jeder fünfte Jugendliche wacht demnach nachts auf, um sich auf Facebook & Co. auszutoben. Spielt das Phänomen auch in der Wetterau eine große Rolle?

Tibo Gerriets: Grundsätzlich meine ich, dass man die neuen Medien nicht verteufeln soll. Kinder und Jugendliche wachsen in eine digitale Welt hinein, und der kompetente Umgang mit Smartphone und Social Media will gelernt sein. Ein Schüler ohne Smartphone ist von wesentlichen Teilen der Kommunikation in seiner Peergroup abgeschnitten – das ist in der Wetterau genauso wie überall in der Republik, das muss man akzeptieren. Wer aber selbst nachts nicht die Finger von seinem Telefon lassen kann und seinen Nachtschlaf dafür unterbricht, der übertreibt sicher! Im Schlafzimmer hat das Smartphone nichts verloren. Mein Tipp: Tonsignale für Facebooknachrichten und Ähnliches vor dem zu Bett gehen ausstellen.

Gibt es andere Fälle, in denen zahlreiche Menschen nachts wach werden, um ihren Interessen nachzugehen?

Gerriets: Oh ja! Krankenschwestern, Polizisten, Feuerwehrleute und viele andere müssen nachts arbeiten. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die belegen, dass das der Gesundheit abträglich ist. Manchmal muss es eben sein. Wenn die Störung des Nachtschlafs aber vermeidbar ist, sollte man sie auch vermeiden. Wer jedoch nachts wach liegt und nicht schlafen kann, der sollte sich nicht stundenlang im Bett herumwälzen. Dann gilt: Lieber aufstehen, das Schlafzimmer verlassen, eine heiße Milch trinken und ein langweiliges Buch lesen.

Lockt der Kühlschrank viele aus dem Bett?

Gerriets: Nächtliche Heißhungerattacken sollten, wenn sie regelmäßig vorkommen, ärztlich abgeklärt werden. Manchmal ist zum Beispiel der Diabetes nicht richtig eingestellt, mit nächtlicher Unterzuckerung.

Können sich Mütter und Väter, die nachts wegen ihrer kleinen Kinder aufwachen, an die Situation so gewöhnen, dass sie immer besser wieder einschlafen? Oder sind sie ständig in Alarmbereitschaft und können deshalb kaum ein Auge zu machen?

Gerriets: Eltern kleiner Kinder machen in den ersten Jahren oft eine harte Zeit durch. Sicher gewöhnt man sich ein wenig an die Schlafunterbrechungen, aber gesund ist das nicht! Elterliche Arbeitsteilung kann das Problem lindern.

Ist die Wirkung des Mondes auf den Schlaf ein Mythos?

Gerriets: Das wird immer behauptet, ist aber vermutlich Unsinn. Wer allerdings fest daran glaubt und nach dem Blick auf den Kalender feststellt, dass Vollmond ist, der kann tatsächlich unter Umständen schlechter schlafen. Schuld ist dann aber nicht der Mond, sondern der »Nozebo-Effekt«. Man erwartet eine schädliche Wirkung – und die kommt dann auch prompt.

Wird man von Albträumen eher wach oder hält man sie meistens aus und schläft weiter?

Gerriets: Die Schlafforscher sagen, dass wir uns nur an einen Teil unserer Träume am nächsten Morgen erinnern. Nur selten sind Alpträume so intensiv, dass man davon aufwacht.

Haben Kinder eher Durchschlafstörungen als Erwachsene?

Gerriets: Kinder haben oft Durchschlafstörungen. Wissenschaftliche Untersuchungen gehen von rund 20 Prozent aus. Bestimmte Schlafstörungen, wie das Schlafwandeln oder der Pavor nocturnus, der sogenannte Nachtschrecken, kommen sogar besonders häufig bei Kindern vor. Sie sind aber im Allgemeinen harmlos.

Viele Menschen müssen nachts auf die Toilette. Haben sie überwiegend große Probleme, danach wieder einzuschlafen?

Gerriets: Die Nykturie treibt viele, vor allem ältere Menschen nachts auf das WC. Meistens pendelt sich das so ein, dass die Patienten in einer sehr flachen Schlafphase von ihrer Blase geweckt werden, so dass sie hinterher wieder gut einschlafen, ohne die Schlafarchitektur übermäßig zu stören. Nimmt der nächtliche Harndrang aber stark zu, sollte der Hausarzt konsultiert werden.

Spielt es für das Durchschlafen eine Rolle, ob man alleine oder zu zweit in einem Zimmer schläft?

Gerriets: Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Ich zum Beispiel schlafe alleine schlechter. Wenn aber ein Partner schnarcht, kann das ganz anders aussehen.

Welche Folgen hat es, wenn mein Schlaf unterbrochen wird?

Gerriets: Nicht jede Schlafunterbrechung ist problematisch. Wer gleich wieder einschlafen kann und am nächsten Morgen erholt aufwacht, der ist nicht krank. Entscheidend ist übrigens nicht die Schlafdauer, sondern die Frage, ob der Schlaf erholsam ist. Wenn man so schlecht schläft, dass man jeden Morgen mit einem Gesicht wie ein gothischer Wasserspeier aufwacht, dann liegt eine ernste Schlafstörung vor. Diese kann unangenehme Auswirkungen haben. Neben einer verminderten geistigen Leistungsfähigkeit bezüglich Konzentrations- und Lernvermögen und einer erhöhten Unfallgefahr, zum Beispiel im Straßenverkehr, können auch Krankheiten wie Depressionen oder Bluthochdruck begünstigt werden. Ernste Schlafstörungen sollten daher durch den Hausarzt abgeklärt werden.

Was kann man tun, wenn man Probleme mit dem Durchschlafen hat? Und was sollte man lassen?

Gerriets: Die folgenden »Schlafregeln« können helfen: Nutzen Sie das Schlafzimmer nur zum Schlafen. Essen, Telefonieren, Fernsehen sollte man woanders. Sex ist allerdings erlaubt. Wenn Sie schlafen, dann nur im Bett. Auch kurze Nickerchen sollten nicht auf der Couch oder Ähnlichem passieren. Wenn Sie länger als eine halbe Stunde nicht einschlafen können, stehen Sie wieder auf. Tun Sie dann etwas Entspannendes außerhalb des Schlafzimmers. Nutzen Sie Entspannungstechniken vor dem Einschlafen. Yoga, autogenes Training oder Muskelrelaxation helfen oft besser als Schlafmittel. Essen Sie abends nicht zu schwer. Meiden Sie Alkohol, Koffein und Schlafmittel.

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