06. September 2019, 17:00 Uhr

Vor Gericht

Als das Zuhause zum Tatort wurde

Es ist ein Samstagabend im Dezember 2018. Nach dem Abendessen klingelt es an der Tür einer Wetterauer Familie. Der Sohn öffnet. Vor ihm steht ein maskierter und bewaffneter Mann. Nur mithilfe seiner Mutter kann der Jugendliche den Angreifer aus dem Haus drängen. Später stellt sich heraus: Es ist ein Verwandter.
06. September 2019, 17:00 Uhr
Es klingelt an der Tür. Es ist nicht, wie vermutet, die Mutter, sondern ein maskierter und bewaffneter Mann, der die Familie in Angst und Schrecken versetzt. Wieso er den Überfall begangen hat, das versucht derzeit das Amtsgericht Friedberg zu ergründen. (Symbolfoto: dpa)

Immer wieder bricht der Mittfünfzigerin die Stimme. Im Saal des Amtsgerichts Friedberg erinnert sie sich an den Abend, an dem ihr Zuhause zum Tatort wurde. Sie sitzt nur wenige Meter vom Angeklagten entfernt. Von dem Mann, der sich an diesem Abend eine Skimaske übergezogen hat, bevor er bei ihr klingelt. Sie schickt ihren 17-jährigen Sohn zur Tür, sie erwartet ihre Mutter. Dass sie es nicht sein kann, wird ihr klar, als der Junge sie ruft. »Ich habe an seiner Stimme gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist.« Sie rennt zur Tür. In diesem Moment weiß sie noch nicht, dass der Angreifer ihren Sohn mit einem Messer bedroht und versucht, ihm die Hände auf den Rücken zu fesseln. Sie reißt dem Mann am Arm, um ihren Sohn zu befreien. Zusammen gelingt es ihnen schließlich, den Angreifer hinauszudrängen.

Zettel mit sexuellen Praktiken

Was bleibt, ist Angst. Erst recht, als zwei Tage später ihr Handy klingelt und der Täter droht, ihrer Familie etwas anzutun, sollte sie die Polizei einschalten. Doch das hat sie längst getan. Die Beamten ermitteln, setzen Puzzleteile zusammen. Die Vermutung, dass der Täter sie kennt, verfestigt sich. Einen Tag später wird der Mann festgenommen: Es ist ein entfernter Verwandter, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt hatten.

Aus welchem Grund er die Familie überfallen hat, versucht das Jugendschöffengericht am Amtsgericht Friedberg derzeit zu ergründen. Dass der 41-Jährige - keine Ausbildung, derzeit in der Privatinsolvenz - es getan hat, daran gibt es keinen Zweifel: Der Angeklagte lässt seinen Pflichtverteidiger eine Erklärung abgeben, in der er die Vorwürfe »ohne jede Einschränkung einräumt«, sagt Rechtsanwalt Ramazan Schmidt. Eine rationale Erklärung gebe es für die Tat nicht.

Das sieht die Staatsanwaltschaft anders. Der Angeklagte hat am Tatort einen Zettel verloren, den er, wie er sagt, am selben Tag geschrieben hat. Darin führt er sexuelle Praktiken und Fantasien auf. Die Schlussfolgerung, auch im Hinblick auf das Messer, die Fesseln und die Maske: Sexuelle Übergriffe auf Mutter und Tochter (heute 14) seien seine Absicht gewesen. Der Verteidiger wies zwar mehrfach darauf hin, dass kein Sexualdelikt angeklagt sei, sondern versuchte Freiheitsberaubung und versuchte Bedrohung. Doch sein Mandat war gerade erst eine Woche vor der Tat aus der Haft entlassen worden: Mehrere Jahre hatte er wegen eines Sexualdelikts hinter Gittern verbracht - bis zum letzten Tag der verhängten Strafe, ohne Bewährung, in der Sozialtherapeutischen Justizvollzuganstalt Kassel. Das ist eine Einrichtung für Straftäter, bei denen eine erhebliche Störung der sozialen und persönlichen Entwicklung vorliegt. Bei ihnen ist zu befürchten, dass sie wieder rückfällig werden, wenn nicht besondere therapeutische Mittel und soziale Hilfen eingesetzt werden. Heute ist der Angeklagte in der »Zentralstelle zur Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter« gelistet.

Verteidiger Schmidt hält dagegen: Sein Mandant habe keinen Tag begleiteten Ausgang gehabt, keine Möglichkeit, sich auf die Entlassung vorzubereiten, »er wusste nicht, wie es weitergeht, weder beruflich noch privat«. Das sei weder eine Rechtfertigung noch eine Entschuldigung der Tat. Doch ihn einfach vor die Gefängnistür zu setzen und ihm das Überbrückungsgeld in die Hand zu drücken, stimme nicht mit den Vollzugszielen überein, kritisierte er die Justizverwaltung.

Entschuldigung nicht angenommen

Dem Opfer war dies sichtlich gleichgültig. Die Frau hörte sich zwar die Entschuldigung des Täters nach ihrer Aussage an, akzeptierte sie aber nicht. Auch einen Brief hatte der Angeklagte ihr aus der Haft geschrieben. »Ich hatte den Eindruck, er wollte nur seinen Vorteil daraus ziehen.«

Ob sich seine Beteuerungen am Ende strafmildernd auswirken, wird das Gericht entscheiden; die Verhandlung geht weiter. Das Opfer ist seit dem Kampf mit dem Täter mit anderen Dingen beschäftigt: mit dem Kampf um Normalität. Bis der Alltag zurückgekehrt ist, wird es wohl noch eine Weile dauern. Die Frau berichtete, ihre Kinder hätten wochenlang nicht in ihrem Zuhause schlafen schlafen können, sie selbst könne sich bis heute nur schwer konzentrieren, schaffe ihren Beruf nur, weil eine Kollegin ihr vieles abnehme. Inzwischen fühle sie sich wieder einigermaßen geborgen in ihrem Haus: Sie hat in Gitter, Riegel und andere Sicherheitsmaßnahmen investiert - knapp 10 000 Euro.

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