15. Juli 2018, 12:00 Uhr

Umsonstladen

Angebot in Friedberg: Wenn nur die Einkaufstüte Geld kostet

Stellen Sie sich vor, Sie gehen einkaufen, müssen aber nichts bezahlen. In Friedberg gibt es ein »Geschäft«, in dem das möglich ist, den Umsonstladen. Wobei es auch dort klare Regeln gibt.
15. Juli 2018, 12:00 Uhr
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Von Harald Schuchardt
Hier gibt es, was das Herz begehrt: Bis zu zehn Interessierte können gleichzeitig im Umsonstladen in der Engelsgasse 21 stöbern. (Foto: lod)

Um die 40 Männer, Frauen und Kinder stehen am Samstag um kurz vor 10 Uhr vor dem Eingang des Hauses Engelsgasse 21. Sie alle warten auf die Öffnung des Umsonstladens, der nach neunmonatiger Zwangspause Anfang Juni in seinem neuen Domizil erstmals öffnete. Der alte Standort im Kellergewölbe des einstigen Rathauses in der Bismarckstraße 2 musste wegen des nicht ausreichenden Brandschutzes geschlossen werden (die WZ berichtete). 40 Interessenten sind noch wenig, wir hatten auch schon 80 vor dem alten Laden stehen«, sagt Klaus Edzards, der zusammen mit rund 20 Mitstreitern den Umsonstladen betreibt. »Wir sind eine multikulturelle Truppe, und es macht uns viel Spaß«, stellt Margot Berndt fest, die von Anfang an dabei ist.

Punkt 10 gehen fünf Helfer nach draußen, und jeder, der sich pro Besuch fünf Teile kostenlos holen darf, zieht eine Nummer. »Wir verlosen, und das wird akzeptiert«, erklärt Edzards, während Heide Fuchs und Helmut Betschel im Eingangsbereich auf die ersten Kunden warten. Die müssen die mitgebrachten Taschen abgeben, erhalten einen Stempel auf die Hand und bekommen eine Klammer angesteckt. »Diese Kontrolle ist nötig, wir haben schon tolle Sachen erlebt«, sagt Heide Fuchs und meint damit, dass schon Leute versucht, mehrfach an einem Tag in den Laden zu kommen.

Mir wurde geholfen, und ich will jetzt den Menschen helfen

Moumena Athem

Nicht nur Flüchtlinge und Mitbürger mit Migrationshintergrund suchen nach Gegenständen für ihren Haushalt, auch so mancher Friedberger ist schon fündig geworden, so wie Ludwig Sopp. »Ich suche immer nach Werkzeug«, sagt der Hobby-Handwerker.

Kaum sind die ersten zehn Interessenten im Laden, beginnt im großen »Verschenkraum« das Stöbern und Suchen. Eine Syrerin sucht sich eine Wäschespinne, zwei Tabletts und ein Bügeleisen aus.

Unterstützt werden die Kunden von zahlreichen ehrenamtlichen Helfern, wie der Bulgarin Maria Wittlich oder Bouchra Kath, die mit einem Deutschen verheiratet ist und seit 13 Jahren in Wöllstadt lebt. »Ich war schon in meiner Heimat ehrenamtlich tätig. Ich helfe Menschen gerne, und ich hoffe auf Frieden überall«, sagt die Marokkanerin.

 

Auch  Spiele gibt es kostenlos

 

Mehrere Syrer engagieren sich im Umsonstladen, so wie Moumena Athem, die vor zwei Jahren aus ihrer syrischen Heimat geflohen ist. »Mir wurde geholfen, und ich will jetzt den Menschen helfen«, sagt die junge Frau, die sich an diesem Morgen im »Spielzimmer« um die Kinder der Kundinnen kümmert. Auch die Spiele aus dem Raum können kostenlos mitgenommen werden. Ein Junge entscheidet sich für eine Rennbahn, ein Federballspiel und ein Fernglas.

Neben dem Empfang steht ein großer Koffer. »Der ist schon reserviert«, sagt Heide Fuchs, die die ausgewählten Gegenstände in die mitgebrachten Taschen packt. »Plastiktüten gibt es nicht, Papiertüten kosten 50 Cent, solange der Vorrat reicht.«

Nach Ladenschluss werden die Regale wieder mit Gegenständen aus dem Lager aufgefüllt. Erst seit dem 4. Juli wird wieder Ware angenommen. »Unser Vorhaben, das Lager zu räumen, ist fast gescheitert«, sagt Edzards. Der Grund: Trotz vorgesehener Pause wurden doch immer wieder Waren abgegeben.

 

Christbaumkugeln müssen warten

 

Eine der ersten, die am letzten Mittwoch Alltagsgegenstände in den Umsonstladen brachte, war Kerstin Wietz: »Ich bin nach Rosbach umgezogen – da habe ich nicht mehr so viel Platz – und aussortiert. Außerdem finde ich das hier eine tolle Idee.« Margot Bernd räumt mit Wietz die Gegenstände aus deren Kiste und überprüft sie, auch die dreiteilige Auflaufform samt Stövchen. »Die ist in einem Top-Zustand«, freut sich Bernd und zeigt auf eine Kiste mit einem kompletten Essservice. »Das hat gerade jemand abgegeben.« Bernd bittet Wierz, doch die Christbaumkugeln wieder mitzunehmen und erst im Spätherbst zu bringen. »Das mache ich, so viel Platz habe ich noch. Ich komme auf jeden Fall wieder.«

Info

Der Umsonstladen

Der Umsonstladen in der Engelsgasse 21 wird von einer Gruppe Freiwilliger ehrenamtlich betreut. Träger der Einrichtung ist das Internationale Zentrum Friedberg. Jeder kann hier pro Besuch fünf Teile kostenlos mitnehmen. Zum Aussuchen und Stöbern hat der Umsonstladen jeden Samstag von 10 bis 13 Uhr geöffnet. Für Möbel gibt es eine Pinnwand. Wer gut erhaltene Sachen des täglichen Lebens, wie Geschirr, Besteck, Bett- und Tischwäsche, Hand- oder Geschirrtücher sowie Elektrogeräte, Lampen, Uhren, Werkzeuge oder vieles andere mehr, nicht mehr benötigt und verschenken möchte, kann diese Gegenstände jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr im Umsonstladen abgeben. »Es werden nur Sachen angenommen, die man selbst noch nutzen würde«, erklärt Heide Fuchs. Außerhalb der Öffnungszeiten können Sachspenden nach Absprache mit Gottfried Krutzki unter Tel. 0 60 31/6 87 02 95 abgegeben werden. Wer die Arbeit des Umsonstladens als Pate mit einem monatlichen Beitrag ab fünf Euro oder mit einer einmaligen Spende unterstützen möchte, der kann diese bar in die Spendendose vor Ort werfen oder seinen Betrag auf folgendes Konto bei der Volksbank Mittelhessen überweisen: Empfänger: Internationales Zentrum Friedberg, IBAN: DE74 5139 0000 0026 9628 03, Betreff: Projekt Umsonstladen. »Wir brauchen vor allem Paten, die regelmäßig spenden, um unsere Kosten, wie die Miete, zu zahlen«, sagt Edzards. (har)



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