26. August 2019, 11:00 Uhr

Spitzenfrauen

Annika Sehl hat Soldaten als Studenten

Ohne ihr zu nahe zu treten, kann man Annika Sehl als Exotin bezeichnen. Die frühere Reichelsheimerin ist Professorin, selten genug, noch dazu an einer von bundesweit nur zwei Universitäten der Bundeswehr.
26. August 2019, 11:00 Uhr
Die Studenten von Prof. Annika Sehl kommen nicht frisch von der Schule, sondern haben schon eine Ausbildung hinter sich - eine militärische: Die gebürtige Wetterauerin lehrt und forscht an der Universität der Bundeswehr München. (Foto: Christian Siebold/UniBwM)

»Frauen bei der Bundeswehr« - das Thema wird immer wieder diskutiert. Haben Sie an der Universität der Bundeswehr München Schwierigkeiten erlebt, die Ihnen bis dato im Berufsleben neu waren?

Prof. Annika Sehl: Nein, Schwierigkeiten überhaupt nicht, im Gegenteil. Was neu oder anders für mich war, ist, dass meine Studierenden nun überwiegend männlich sind. Bei den meisten Journalistik- oder Kommunikationswissenschafts-Studiengängen an anderen Hochschulen sind die Frauen in der Mehrzahl. Aber das macht für mich im Alltag gar keinen Unterschied.

Sehen Sie grundsätzliche Probleme, denen sich nur Frauen, nicht aber Männer in Führungspositionen gegenübersehen?

Sehl: Männer und Frauen unterschieden sich unter anderem in ihrem Kommunikationsstil. In Professionen, die vor allem männlich (oder auch weiblich) dominiert sind, herrscht oft eben dieser Kommunikationsstil vor, was häufig vom jeweils anderen Geschlecht als Herausforderung erlebt wird. Das betrifft für Frauen zum Beispiel Selbstmarketing, das gezielte Netzwerken oder auch mal unliebsame Entscheidungen zu treffen. Ich denke, es ist wichtig, nicht nur Rollenmuster zu kopieren, sondern selbstbewusst einen eigenen Weg zu finden. Oft fehlen Frauen hier aber die Vorbilder.

Wie gehen Sie persönlich damit um?

Sehl: Ich denke, es ist wichtig, sich immer wieder selbst zu reflektieren und auch Feedback und ggf. Rat von anderen wie Kolleg*innen einzuholen. In der Postdoc-Phase war ich beispielsweise Mentee in einem Mentoring-Programm. Heute gebe ich meine Erfahrung selbst als Mentorin weiter.

Die meisten Studenten anderer Hochschulen kommen frisch von der Schule. Ihre Studierenden haben sich für eine Karriere als Soldatin bzw. Soldat auf Zeit entschieden und als Offiziersanwärter bereits eine militärische Ausbildung absolviert. Müssen Sie ihnen gegenüber anders auftreten?

Sehl: Die Studierenden haben sich in der Regel sehr bewusst für mindestens 13 Jahre bei der Bundeswehr entschieden, was Reife und Verantwortungsbewusstsein voraussetzt. Diese Ernsthaftigkeit ist auch in anderen Situationen für mich als Lehrende spürbar, genauso wie die Kameradschaft, die sie aus der militärischen Ausbildung mitbringen. Ich trete ihnen gegenüber nicht wesentlich anders auf. Was aber sicherlich hilft, ist, auch Interesse für die militärische Seite und für ihre Zukunft jenseits der wissenschaftlichen Ausbildung zu zeigen, weil das Themen sind, die sie spätestens gegen Ende des Studiums beschäftigen.

Ihre Studenten sollen militärische Führungskräfte werden. Wie hoch ist die Frauenquote?

Sehl: Derzeit gibt es am Campus der Universität der Bundeswehr München in Neubiberg rund 2900 Studierende - darunter 470 Frauen, etwa 30 internationale Offiziere und 240 zivile Studierende. Die Frauenquote liegt also bei etwa 16 Prozent.

Liegt das auch an den Frauen selbst?

Sehl: Frauen im Militär sind außerhalb vom Militärmusikdienst oder Sanitätsdienst erst seit 2001 zugelassen. Seitdem ist ihr Anteil an den Studierenden regelmäßig gestiegen.

Gibt es Unterschiede zwischen einer freien Hochschule und einer der Bundeswehr?

Sehl: Das Studium läuft nicht wesentlich anders ab als an anderen Hochschulen. Ich unterrichte digitalen Journalismus inhaltlich genauso, wie ich das auch woanders getan habe. Wir sind allerdings in Trimestern organisiert, sodass ein Bachelor-Abschluss in drei und ein Master-Abschluss in vier Jahren möglich ist. Dabei ist im Kleingruppenprinzip eine sehr gute Betreuung sichergestellt. Anders ist sicherlich auch, dass für unsere Studierenden das Studium ein Dienstauftrag ist, viele Studierende auf dem Campus leben und es einen Nachmittag pro Woche mit militärischen Trainings wie Marschieren, Schießen etc. gibt.

Wann hat Sie der wissenschaftliche Ehrgeiz gepackt? Sie sind ja ausgebildete Redakteurin.

Sehl: Ich habe Journalistik studiert und dabei auch eine Redakteursausbildung beim Nachrichtensender N24 absolviert und unter anderem für Zeitungen gearbeitet. An der praktischen journalistischen Arbeit fand ich spannend, ganz verschiedene Bereiche und Menschen kennenlernen zu dürfen, ihre Geschichten zu erzählen und andere Länder zu bereisen. Im Hauptstudium fragte mein späterer Doktorvater, ob ich Interesse hätte, für ihn als studentische Hilfskraft zu arbeiten. Sich länger und tiefer mit einem Thema zu beschäftigen, durch empirische Forschung selbst etwas herauszufinden, was im Idealfall hilft, den Journalismus zu verbessern, all das hat mich zunehmend interessiert. Lehre und (praxisnahe) Forschung sind für mich die richtige Entscheidung. Dabei kann ich vieles tun, was mir auch als Journalistin Freude gemacht hat: recherchieren, Menschen befragen, analysieren, es aufschreiben, wieder in die Praxis vermitteln - und für Forschung und Tagungen auch reisen.

Ist es im System Hochschule einfacher für Frauen, ihre Ziele zu erreichen, als in der freien Wirtschaft?

Sehl: Nein. Nach einer Erhebung des Statistischen Bundesamtes von 2018 ist nur fast ein Viertel der Professuren (24 Prozent) an deutschen Hochschulen von Frauen besetzt, wenngleich ihr Anteil in den vergangenen Jahren schon gestiegen ist. Bei den Studienanfänger*innen und auch Absolvent*innen beträgt der Frauenanteil nach einer Erhebung von 2017 noch rund die Hälfte (51 Prozent). Über Promotionen (45 Prozent) und ggf. Habilitationen (29 Prozent) nimmt er ab. Einfach und planbar ist eine wissenschaftliche Karriere übrigens auch für Männer nicht. Die lange Qualifikationsphase, die oft mit zahlreichen Zeit- und Projektverträgen mit unklaren Berufs- und Lebensperspektiven verbunden ist, ist unabhängig vom Geschlecht unsicher. Hinzu kommt aber, dass diese Qualifizierungsphase in die Zeit fällt, in der viele Menschen Familien gründen möchten und sich vor allem Frauen dann oft die Frage nach der Vereinbarkeit stellen.

Beim Blick zurück in die alte Heimat: Was hat Reichelsheim, was München nicht hat?

Sehl: Die flache Landschaft, in der man weit schauen kann - und einen wunderbaren Ort, an dem ich immer wieder Ruhe finde: den Storchenausblick im Ried zwischen Reichelsheim und Gettenau. Und natürlich meine Familie.

Zur Person

Prof. Dr. Annika Sehl hat seit Oktober 2018 die Professur für Digitalen Journalismus am Institut für Journalistik der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Universität der Bundeswehr München inne. Sie beschäftigt sich in Lehre und Forschung vor allem mit der Frage, wie sich technologische und mediale Innovationen und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Entwicklungen auf Medienorganisationen, die Produktion und Nutzung journalistischer Inhalte in Verbindung mit dem Internet auswirken.

Sehl ist gebürtige Wetterauerin. Im Alter von drei Jahren ist sie von Schwalheim nach Reichelsheim gezogen. »Dort bin ich auch zur Schule gegangen - damals noch in die ›alte‹ Grundschule, da die jetzige noch nicht gebaut war.« Bis nach dem Abitur 2000 an der Sankt-Lioba-Schule lebte Sehl mit ihrer Familie in der Kernstadt. Seither kommt die 38-jährige Wahl-Münchenerin regelmäßig nach Reichelsheim zu Besuch, da unter anderem ihre Eltern und auch ihre Schwester mit Familie hier leben. (dab)

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