09. Mai 2017, 20:15 Uhr

Auf Stippvisite

09. Mai 2017, 20:15 Uhr
GRE
Ergreifende Schilderung: Margarete Wolf liest Ausschnitte aus den »Lebenserinnerungen eines Wetterauer Juden«. (Foto: gre)

So wird Literatur erlebbar und erfahrbar: Das »Literaturland Hessen« ist ein Netzwerkprojekt, 2004 von HR2-Kultur ins Leben gerufen. Gemeinsam mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Hessischen Literaturrat, Förderern und regionalen Partnern, den literarischen Vereinen, Dichterhäusern und Literaturhäusern, Bibliotheken und Museen macht es Literatur aus und über Hessen auf vielfältige Weise erlebbar und erfahrbar. In diesem Jahr heißt das Motto: »Literaten, Journalisten und Musiker auf Stippvisite in Friedberg«. Den Friedberger Beitrag leistete das Literaturprojekt der evangelischen Kirchengemeinde.

Die Beziehung von Paul Hindemith zu Friedberg stand im Mittelpunkt der Veranstaltung im Bibliothekszentrum Klosterbau, zu der sich einige Interessierte eingefunden hatten. Das Ehepaar Hans und Margarete Wolf eröffnete die Lesung mit einer viertelstündigen Einspielung des 1. Satzes von Bachs Chaconne für Solo Violine, seinerzeit gespielt von dem jungen Paul Hindemith.

Hindemith hatte in Friedberg einen väterlichen Freund, Dr. Karl Schmidt, den Vater von »Babba Hesselbach«, Wolf Schmidt. Prof. Dr. Karl Schmidt, 1869 in Friedberg geboren, war neben seinem Lehrerberuf auf vielen musikalischen Gebieten tätig: Er war Leiter der Friedberger Bachfeste, der über 100 Augustinerschulkonzerte, der Richard Wagner-Stipendien-Stiftung oder der Bad Nauheimer Kammermusikreihen. Im Schmidt’schen Haus verkehrten und musizierten viele professionelle Musiker. So auch Paul Hindemith, der zur Taufe von Wolf Schmidt im Jahre 1913 spielte.

Ab 1919 begann Hindemith seinem Kompositionstalent zu trauen und sich auch als Komponist zu verstehen. Es entstanden die Sonaten op. 11 und op. 15: Beide wurden 1920 in Friedberg aufgeführt. 1926 trat Hindemith ein letztes Mal anlässlich eines Kammerkonzertes in Friedberg auf, bevor er nach Berlin an die Hochschule für Musik ging.

Der Bezug der Schriftstellerin Ricarda Huch zu Friedberg wird durch ihre Städtebilder, die in der Zeit zwischen 1925 und 1930 über 60 deutsche Städte entstanden, deutlich. Ricarda Huch suchte für ihre »Städtebilder« Städte aus, die schon im Mittelalter Bedeutung hatten, wie beispielsweise Friedberg, das sie kenntnisreich beschrieb.

Der Familie Goethe gehörte das Haus »Zum Ritter« in Friedberg. Goethe selbst war nur auf Stippvisite im »leidigen« Friedberg, wie er es nannte, da er sich um das Haus kümmern musste. Eine Hommage auf Friedberg schrieb hingegen der Schriftsteller Peter Kurzeck.

Auch Friedrich Hölderlin hatte einen Bezug zu Friedberg – erfuhren die Zuhörer – und zwar in Gestalt des Philipp Siegfried Schmid. Als Sohn des Bürgermeisters in Friedberg am 16. Dezember 1774 geboren, studierte er Theologie in Gießen und Jena, bevor er den Dichter in sich entdeckte und den Kontakt zu den Großen seiner Zeit suchte. Goethe und Schiller wiesen ihn ab. Sein Vater ließ ihn wegen Überspanntheit entmündigen und in das hessische Hospital für geisteskranke Landeskinder in Haina einweisen. Hölderlin hielt den Kontakt zu Schmid jedoch aufrecht. Eine Plakette in der Engelsgasse erinnert an seinen Aufenthalt in Friedberg im Jahr 1799.

»Leidiges Friedberg«

Valentin Senger, geb. 1918, überlebte mit seiner Familie die Nazizeit unentdeckt in Frankfurt am Main. Die damit verbundenen Erlebnisse konnte er erst 1978 in seinem Buch »Kaiserhofstraße 12« verarbeiten. Es wurde ein Bestseller und auch als Fernsehspiel verfilmt. In seinem Buch »Das Frauenbad« erzählt er die Geschichte des Friedberger Frauenbades, der Mikwe, das jahrhundertelang Unglück über seine Benutzerinnen brachte. Der Aberwitz ist das beherrschende Element in allen seinen Erzählungen.

Abschließend las Margarete Wolf Ausschnitte aus den »Lebenserinnerungen eines Wetterauer Juden«, herausgegeben vom Friedberger Geschichtsverein. Es handelt sich um den Arzt Henry Buxbaum, der 1952 erstmals wieder nach Friedberg kam. Eine ergreifende Schilderung seiner Gefühle auf seinem Weg von Bad Nauheim nach Friedberg, beim Gang über die Kaiserstraße, weiter bis hin zur Kleinen Klostergasse zu seinem ehemaligen Wohnhaus und bei der Begegnung mit ehemaligen Nachbarn.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bibliotheken
  • Evangelische Kirche
  • Evangelische Kirchengemeinden
  • Friedberg
  • Friedrich Hölderlin
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Karl Schmidt
  • Paul Hindemith
  • Peter Kurzeck
  • Ricarda Huch
  • Ricarda-Huch-Schule Gießen
  • Friedberg
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen