20. Juli 2019, 06:00 Uhr

Vor 75 Jahren

Bei Fliegerangriff elf Tote in der Innenstadt

Vor 75 Jahren scheiterte das Attentat auf Hitler. Aus Bad Nauheimer Sicht stand ein anderes Ereignis im Fokus: Beim schwersten Fliegerangriff auf die Stadt im Zweiten Weltkrieg starben elf Menschen.
20. Juli 2019, 06:00 Uhr
Beim US-Angriff am 20. Juli 1944 werden große Teile des Kurhauses und Jugendstiltheaters zerstört.

war nach 1939 zunächst von Kriegsschäden verschont geblieben. Um so traumatischer war der 20. Juli 1944 für viele Bürger. Während die Gruppe um Graf von Stauffenberg vergeblich versuchte, Diktator Adolf Hitler ins Jenseits zu befördern, griff die US-Luftwaffe die Kurstadt an. Zwischen 11.25 und 12.10 Uhr fielen über 600 Bomben, lösten in der Innenstadt viele Brände aus. Die Schreckensbilanz: Elf Tote, 34 Verletzte, 43 zerstörte Gebäude, darunter das Kurhaus und ein Badehaus.

In den Nachkriegsjahrzehnten haben sich viele Bad Nauheimer an das Bombardement erinnert. Etwa der inzwischen verstorbene Lokalhistoriker Dr. Hans Maag in seinem Buch »Wie es wirklich war«. Er schilderte, wie US-Bomber parallel zur Parkstraße geflogen seien, um den Angriff einzuleiten. Wie Maag forschte der 2017 verstorbene Prof. Gerhard Martin in US-Archiven. Danach flogen am 20. Juli 1944 zwölf B-24-Kampfflugzeuge nach Bad Nauheim. 624 Brandbomben wurden abgeworfen, die eine Schneise der Zerstörung hinterließen. Zwischen Frankfurter Straße und Johannisberg brannten 43 Gebäude, unter den Toten waren eine Klinikpatientin mit ihrem Baby (das Lazarett war ebenfalls getroffen worden) und ein Kurgast, der auf einer Parkbank verbrannte.

Es hätten mehr als elf Todesopfer werden können. Weil an diesem Vormittag mehrfach Alarm ausgelöst worden war, wurde das Sirenengeheul nicht mehr ganz ernst genommen. Trotzdem konnten sich beispielsweise alle Bewohner eines voll besetzten Hotels in der Lessingstraße aus dem brennenden Haus retten. Dr. Bernhard Lentz, dessen Familie im Gartenhaus der Villa Lentz wohnte, erlebte die Attacke als Vierjähriger. Sein Vater hatte die Kinder rechtzeitig in den Luftschutzkeller gebracht. Eine Bombe durchschlug das Dach der Villa. Die Kurgäste gerieten in Panik, das Kleid einer Frau stand in Flammen. Auch das gegenüberliegende Gebäude - heute Commerzbank - brannte aus.

Gezielter Angriff

Bis weit nach Kriegsende gab es unterschiedliche Ansichten darüber, warum die Amerikaner Bad Nauheim angegriffen hatten. Lange war von einer Zufallsattacke die Rede. Dafür sprachen mehrere Indizien. So schrieb der Schriftsteller Hans Habe, der im Krieg für den US-Geheimdienst arbeitete, in seinem Buch »Im Jahre Null«, die Luftwaffe habe Bad Nauheim nicht angreifen sollen. Schon 1944 sei nämlich durch die US-Armee geplant gewesen, nach der Kapitulation Deutschlands viele Gebäude in Bad Nauheim zu nutzen. Unter anderem startete hier ab 1945 der Wiederaufbau von Presse und Hörfunk.

Weiteres Indiz: Über der Kurstadt warfen die Alliierten Flugblätter mit der Aufschrift »Bad Nauheim werden wir verschonen, denn da wollen wir ja wohnen« ab. Hinzu kam ein Gerücht, das sich um den damaligen US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt rankte. Der hatte als Kind in Bad Nauheim lange die Grundschule besucht, habe die Stadt deshalb schützen wollen.

Theateraufbau: Vier Unfallopfer

Die These vom »Notabwurf« ließ sich aber nicht halten. Bei seinen Recherchen stieß Dr. Maag im Archiv der US-Armee auf ein Dokument vom 21. Juli 1944. Inhalt: Der Luftangriff war genau geplant. Offenbar wurde im Kurviertel ein Hauptquartier von Generalfeldmarschall Gerd von Rundstedt vermutet. Diese These wurde 1947 bereits vom englischen Autor James Stern erwähnt. Er war in Deutschland unterwegs, um Auswirkungen der Bombenangriffe zu dokumentieren. In seinem Buch »Die unsichtbaren Trümmer. Eine Reise im besetzten Deutschland 1945« erwähnte er die Gerüchte ums provisorische Rundstedt-Quartier.

Gut zehn Jahre nach dem verheerenden Bombardement, am 11. Dezember 1954, gab es vier weitere Todesopfer, die damit in engem Zusammenhang stehen. Bei dem Angriff waren große Teile von Kurhaus und Jugendstiltheater verwüstet worden. Ende 1954 war eine Baufirma mit dem Theater-Wiederaufbau beschäftigt. Arbeiter wollten einen Betonträger gießen. Als die Männer in 20 Meter Höhe auf Bohlen standen, geschah es: Gerüst und Verschalung mit dem 50 Tonnen schweren Beton stürzten in die Tiefe und verschütteten drei Männer aus Friedberg, zwei aus Bad Nauheim. Vier der Opfer verstarben. An sie erinnert eine Gedenktafel im Jugendstiltheater.

Friedberg mehrfach attackiert

Friedberg befand sich während des Zweiten Weltkriegs weit öfter im Visier der US-Luftwaffe als Bad Nauheim. Am 20. Juli 1944 kam es zum Angriff auf beide Städte. Während in der Kurstadt 11 Todesopfer verzeichnet wurden, waren es in der Kreisstadt 18. 13 Zivilisten und 5 Wehrmachtsangehörige kamen ums Leben, am Tag darauf verstarben noch drei Schwerverletzte. In Friedberg kam es an diesem Tag in nur zwei bis drei Minuten zu etwa 100 Detonationen. Dieser Tag war der Auftakt für zahlreiche Luftattacken auf die Kreisstadt, die sich bis zum 25. März 1945 hinzogen. Deutlich mehr als 200 Personen dürften dabei ihr Leben gelassen haben.

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