23. September 2019, 17:00 Uhr

Vordenkerin

Chance gesehen, Chance ergriffen

Der Nischenverlag Scoventa aus Bad Vilbel publiziert Sachbücher, die es auf dem Massenmarkt schwer haben. Dass es den Verlag nach zehn Jahren immer noch gibt, liegt am Innovationsgeist der Gründerin Sonja Hintermeier.
23. September 2019, 17:00 Uhr
In den 90ern hat sich Sonja Hintermeier dazu entschieden, sich selbstständig zu machen. Seither ist die Bad Vilbelerin ihre eigene Chefin. (Foto: Katharina Dubno)

Rückblende: die 90er Jahre. Das Internet boomt, die Nutzerzahlen explodieren, Technologieunternehmen schießen nur so aus dem Boden und das Modem-Piepen wird zum Sound einer ganzen Generation. »Ich war damals euphorisiert«, erinnert sich Sonja Hintermeier. »Ich sah im Internet und in der Computertechnik eine Riesenchance für Frauen. Für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.« Heute weiß die 55-Jährige, dass es mit der digitalen Emanzipation längst nicht so einfach und schnell ging, wie es ihr damals schien. Jedenfalls für die meisten nicht. Für Hintermeier stellte sich das Jahr 1996 jedoch als Wendepunkt heraus. Sie machte sich selbstständig. Bis heute ist die Bad Vilbelerin ihre eigene Chefin geblieben, hat aber die Branche gewechselt.

Zurück in der Gegenwart: Es ist ein warmer Sommermittag. Im Café Wewe auf der Bibliotheksbrücke herrscht der übliche Trubel. Hintermeier gefällt es hier, einige hundert Meter Luftlinie von ihrem Büro im Gronauer Weg entfernt. Ihre breite Sonnenbrille hat sie auf dem Tisch vor sich platziert, nun kramt sie in der Handtasche nach den Büchern, die sie mitgebracht hat, um zu veranschaulichen, was ihren Job ausmacht.

Ihr Verlag Scoventa feiert bald zehnjähriges Bestehen. Es ist ein kleiner Buchverlag, der sich wohlfühlt in seiner Nische. Anders als die Chefin selbst, die sich in der Bürgerinitiative fürs Freibad und in der Flüchtlingsarbeit engagiert, kennt kaum ein Bad Vilbeler das ortsansässige Unternehmen.

»Wir konzentrieren uns auf erzählende, moderne Sachbücher nach angelsächsischem Vorbild.« Sie zieht ein Cover hervor: »Wo gute Ideen herkommen.« Müsste sie drei Bücher auswählen, die für Scoventa stilprägend sind, dieses wäre darunter. Mindestens genauso stolz ist sie auf »Die geheimen Tagebücher der Anna Haag«, das die Aufzeichnungen einer fast vergessenen Feministin in der NS-Zeit aufarbeitet, und auf »Finnlands Geschichte«.

Überhaupt publiziert Scoventa nur drei bis fünf neue Bücher im Jahr. Ein Frühjahr- oder Herbstprogramm wie bei anderen Verlagen gibt es nicht. »Scoventa soll nicht zu groß werden«, sagt die Verlegerin. »Sonst könnte ich mich nicht mehr um jedes Thema so intensiv kümmern.«

Studiert hat Hintermeier Philosophie, Politik und Arbeit- und Organisationspsychologie in Hamburg und München. Danach arbeitete sie als Politikberaterin und begleitete nebenbei Uni-Projekte. Als die erste ihrer beiden Töchter zu Welt kam, wagte sie den Schritt in die Selbstständigkeit - ermutigt durch die schnellen Fortschritte digitaler Technik. Plötzlich war es möglich, dass das Baby neben ihr schlief, während sie im heimischen Arbeitszimmer recherchierte.

Nach und nach rutschte Hintermeier, die mit einem Literaturjournalisten verheiratet ist, tiefer in die Buchszene, lernte Autoren kennen, knüpfte Kontakte zu Verlagen, baute ein Netzwerk auf. Nachdem aber ihr Vater schwer erkrankte, übernahm sie sein Großküchen-Unternehmen, das sie schließlich verkaufte. Heute sagt sie zu dieser Zeit: »Die unternehmerische Erfahrung hat mir Lust gemacht, meine eigenen Ideen umzusetzen.«

2008 war es soweit. Hintermeier beschloss, einen Verlag zu gründen. Einen Anruf später hatte sie das erste Manuskript sicher, ein Jahr darauf erschien das erste Scoventa-Buch. Das Verlegertum brachte sie sich selbst bei, während sie und ihr Mann die Töchter großzogen. Um ihr kleines Verlagshaus halten zu können, setzt sie ganz auf ihre Netzwerkerfahrung. Sie vermittelt Bücher, die auf dem Massenmarkt sonst kein Chance hätten, direkt an diejenigen, die sie interessieren könnten. Ohne auf den klassischen Buchhandel zu setzen. »Es ist ein Ansatz, der nur im Internetzeitalter funktioniert«, sagt sie - wie überhaupt die gesamte Verlagsstruktur. Zehn Mitarbeiter muss sie koordinieren, Übersetzer und Lektoren, aber auch Vertriebler. Die meisten sind Frauen. Ihr Team arbeitet dezentral, kommuniziert wird online und per Telefon. Regelmäßig kommen sie zusammen, um sich abzusprechen. Dann düsen alle wieder an den heimischen Arbeitsplatz.

Wie das Internet heute vielfach genutzt wird, sieht die Vordenkerin zunehmend kritisch. Von Facebook etwa hat sich ihr Verlag verabschiedet. An die Chancen für die Emanzipation glaubt sie aber weiter. Sie arbeitet an einem neuen Projekt: Es geht darum, dass bedeutende Frauen im Internetlexikon Wikipedia zu selten vertreten sind. Das soll sich ändern.

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