12. März 2019, 19:24 Uhr

Demenz erfordert viel Geduld

Die tückische Krankheit Demenz lässt Betroffene vergessen. Zuerst fällt das Kurzzeitgedächtnis aus, später erinnern sich Erkrankte auch an frühere Lebensereignisse nicht mehr. Das geht so weit, bis sie Familienmitglieder nicht mehr erkennen. Das Wichtigste im Umgang mit diesen Menschen ist Geduld, sagt Andrea Graf vom AWO-Sozialzentrum in Butzbach.
12. März 2019, 19:24 Uhr

Sie laufen über die Straße, begegnen einem bekannten Gesicht, grüßen sich und gehen weiter. Aber wer war das noch mal? War das die Bedienung aus der Bäckerei oder eine alte Klassenkameradin? Kaum jemandem wird diese Situation unbekannt sein, denn sie hinterlässt ein ungutes Gefühl. Es gibt einige Menschen unter uns, denen das jeden Tag passiert: Menschen, die an Demenz erkrankt sind.

Andrea Graf, Ergotherapeutin und Leiterin der sozialen Betreuung im AWO-Sozialzentrum Degerfeld in Butzbach, fällt noch ein weiteres Beispiel ein: »Kennen Sie das, dass Sie auf dem Weg von der Küche ins Wohnzimmer nicht mehr wissen, was Sie dort eigentlich wollten? Heißt das, Sie haben Demenz?« Nein, gibt sie schnell Entwarnung, »in der Regel haben wir in dieser Situation zu viel im Kopf, meist fällt es uns später wieder ein.« An der Volkshochschule Wetterau sensibilisiert Graf mit Vorträgen über Demenz Angehörige und Interessierte dafür, wie es den erkrankten Menschen tagein, tagaus geht.

Symptome der Krankheit können Wortfindungsstörungen, Orientierungsstörungen – zeitlich wie räumlich – und Störungen der Motorik sein. Auch Essstörungen können auftreten. »Demenzkranke stecken wie Kinder alles Mögliche in den Mund. Man sollte also darauf achten, etwa keine Tischdeko auf dem Esstisch stehen zu haben«, sagt Graf. Die Krankheit beginne häufig mit der Vernachlässigung von Hobbys, von Essen und Trinken und der Körperpflege. Der Krankheitsverlauf sei dabei von Mensch zu Mensch unterschiedlich. »Beim einen dauert es Jahre, beim anderen Wochen«, sagt Graf.

In der Regel erkrankten häufiger Frauen an Demenz. Woran das liegt? »Zum einen daran, dass die Erkrankung meist im hohen Alter auftritt und Frauen eine höhere Lebenserwartung als Männer haben. Zum anderen sind momentan Kriegsjahrgänge in diesem Alter, weswegen es einfach weniger Männer gibt«, erklärt sie. Was die Krankheit auslöst, sei wissenschaftlich nicht belegt, dennoch könne man ein hohes Alter als Hauptrisikofaktor festmachen.

»Ich habe keine Zeit, ich muss meine Kinder in die Schule bringen.« So einen Satz von 90-Jährigen zu hören, kann Angehörige erst mal irritieren. Weshalb Erkrankte in einem späteren Stadium der Demenz oftmals in der Vergangenheit leben, erklärt Graf anhand einer Zeichnung. Darauf: drei Aktenschränke. Einer voller Ordner, beim zweiten fehlen einige und beim dritten klaffen große Lücken. »Stellen Sie sich das Leben der Menschen als einen Aktenschrank vor. Für jedes Lebensjahr steht ein Ordner darin. Wenn das Langzeitgedächtnis nun nicht mehr funktioniert, fehlen einige Ordner. Dann kann ein Demenzerkrankter beispielsweise nur noch auf das Jahr 1982 zurückgreifen und geht fest davon aus, dass er sich in dieser Zeit befindet.« Versuche man ihnen dann direkt klarzumachen, dass diese Zeit längst vergangen ist, machten manche zu oder reagierten sogar mit Aggressivität. Was dann helfe, sei Geduld. »In der Regel sind wir für Demenzerkrankte zu schnell. Setzen Sie sich hin und sprechen Sie langsam«, rät Graf. Demenzpatienten könnten sich meist nur das zuletzt Gesagte merken, daher sei auch die Wortwahl wichtig. Stelle sich ein Demenzerkrankter stur, könne man versuchen, ihn abzulenken. Etwa indem man anfange zu singen. Viele stimmten dann mit ein und vergäßen ihr stures Vorhaben.

Dass das für pflegende Angehörige eine große Herausforderung ist, ist Graf bewusst. Im Pflegeheim gebe es die hilfreiche Distanz zur Person, und es sei genügend Zeit vorhanden, um sich auf die Erkrankten einzulassen. »Ein Umzug dorthin ist am besten, wenn sich die Betroffenen noch orientieren können, dann fällt die Umgewöhnung leichter«, sagt sie. Allerdings sei gerade die erste Phase der Krankheit die schwerste. »Betroffene merken noch, dass sie krank sind.« Sobald die Krankheit aber schlimmer wird, könnten Hochdemente wieder ein glücklicheres Leben führen. »Sie haben keinen Stress mehr.« Medikamente können die Krankheit nicht aufhalten, sie verlängerten lediglich die erste Phase, sagt Graf. »Sollte ich an Demenz erkranken, möchte ich keine Medikamente.«

Schlagworte in diesem Artikel

  • Angehörige
  • Demenz
  • Familienmitglieder
  • Kranke
  • Volkshochschule Wetterau
  • Katharina Ganz
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen