Wetterau

Der Held im produktiven Abwärtssog der Schaffenskraft

Sind Philosophen die besseren Psychotherapeuten? Der Schriftsteller Otto A. Böhmer lässt seinen Romanhelden Fitzroy eine »Philosophische Praxis« eröffnen, zum großen Amüsement der Leser.
29. November 2018, 21:08 Uhr
Jürgen Wagner
Auf der Suche nach dem Philosophen mit der »größtmöglichen Nutzanwendung«: Der in Wöllstadt lebende Schriftsteller Otto A. Böhmer. (Foto: Nici Merz)

Am Anfang war nur ein Buch: »Praxis Dr. Schopenhauer – Was wirklich zählt im Leben« des philosophischen Lebensberaters Prof. Dr. Egidius Fitzroy (Böhmer-Fans aus früheren Romanen bekannt) wird auf dem Buchmarkt zum Erfolg. Die Internationale Schopenhauer-Gesellschaft wird auf den Autor aufmerksam und es kommt, wie es kommen muss: Die Praxis wird Realität und Fitzroy muss sich mit wunderlichen Zeitgenossen herumschlagen, die mit dem »verrotteten« Wissenschaftsbetrieb hadern.

Als Fitzroy verbal über die Stränge schlägt, verdonnert ihn die Schopenhauer-Gesellschaft zu einer »Landverschickung auf See«: Er verlegt seine Praxis auf ein Kreuzfahrtschiff, was ihn anfangs noch mehr aus der Bahn wirft als das normale Leben dies ohnehin schon tut. Mit einem »Minimalprogramm an ambitionierten Gedanken« richtet er sich wohnlich ein, steuert aber von einer persönlichen Havarie in die nächste.

Böhmers neues Buch »Frei nach Schopenhauer« ist mehr als nur ein Roman; es ist zugleich ein Schopenhauer-Brevier mit luziden Lebensweisheiten. Hinzu kommen fiktive Briefwechsel mit Klienten und der (Böhmer-Fans ebenfalls aus früheren Romanen bekannten) Plagiatsjägerin Dr. Melanie Stahlknecht. Diese, so sieht es jedenfalls der von ihr gejagte Fitzroy, versuche »ihren Ruhestand durch diverse Denunziationen aufzumöbeln«. Fitzroy, alt, schwer und träge geworden, will sich aber nicht damit abfinden, dass andere Leute ihn als »verdienten Autor« sehen, »der nun aber vielleicht daran denken sollte, Ruhe zu geben.«

Philosophische Praxen gibt es tatsächlich. »Ihr Vorteil ist, dass man klüger rausgeht und nicht ins Psychologisieren verfällt, was uns alle ja auf den Wecker geht«, sagt Böhmer schmunzelnd. Es habe ihn gereizt, den »produktiven Abwärtssog« seines Protagonisten zu beschreiben. Und Schopenhauer als Ideengeber sei nunmal »der Philosoph mit der größtmöglichen Nutzanwendung«. In seinem Werk fänden sich »kluge Gedanken zu Leben und Tod, und selbst wenn er die Schmerzhaftigkeit des Lebens betont, neigt er zur Heiterkeit.«

In Böhmers Sätzen funkelt stets eine sanfte Ironie durch, die aber auch ins Bärbeißige umkippen kann. Sein Duktus ist elegant und ruppig zugleich, hinter jedem Halbsatz kann eine überraschende Volte lauern. Böhmer hat eine ganze Reihe von Romanen, Biographien und philosophischen Büchern geschrieben. Im Februar wird er 70 Jahre alt. »Dann steht die Wetterau still.« Ans Aufhören denkt er nicht. Er sehe sich als »Nachwuchsautor, der eine erstaunliche Reife vorzuweisen hat«. Und der, wie eine andere Publikation zeigt, stets abseits der engen Pfade strenger Wissenschaft unterwegs war und ist.

Abseits der strengen Wissenschaft

Die Deutsche Verlagsanstalt hat aus Böhmers riesigem Fundus kleiner Geschichten über große Denker geschöpft und präsentiert mit dem Band »Lichte Momente – Dichter und Denker von Platon bis Sloterdijk« eine unterhaltsame Reise durch die europäische Geistesgeschichte in 30 Kapiteln. Leichtfüßig erzählt Böhmer, was uns Dante, Voltaire, Goethe und Schiller, Darwin und Nietzsche, Kafka oder Brecht heute noch zu sagen haben. Es sind wohlgemerkt »lichte Momente«, die Böhmer hervorhebt. »Man kann das Leben auch aus der dunklen Ecke betrachten, aber die andere Version ist besser zu lesen.« Aus gestalterischer Sicht ist »Lichte Momente« das wohl schönste Buch Böhmers. Ein ideales Weihnachtsgeschenk für alle, die statt trockener Philosophie lieber auf die Kraft der lebendigen Erzählung vertrauen. Ein Kapitel kann durchaus eine Therapiesitzung beim Philosophen ersetzen, und beim Psychotherapeuten sowieso.

Otto A. Böhmer: Frei nach Schopenhauer – Philosophischer Roman, Gebunden, 314 Seiten, 24 Euro, Verlag Karl Alber 2018.

Otto A. Böhmer: Lichte Momente – Dichterund Denker von Platon bis Sloterdijk, Gebunden, 352 Seiten, 25 Euro, Deutsche Verlags-Anstalt 2018.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Der-Held-im-produktiven-Abwaertssog-der-Schaffenskraft;art472,522320

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