27. Juni 2017, 20:22 Uhr

Der Schinderhannes in Melbach

27. Juni 2017, 20:22 Uhr
Die »humane Tötungsmaschine« Guillotine kann bei der Austellung besichtigt werden.

»Das ist der Schinderhannes, der Lumpenhund, der Galgenstrick, der Schrecken jedes Mannes und auch der Weiberstück«. Dies ist der Refrain des Bänkelgesangs der Moritat »Schinderhannes«, das durch den 1958 entstandenen Spielfilm mit Curd Jürgens als Schinderhannes und Maria Schell als dessen Freundin Julchen bekannt wurde. Die verklärte Gestalt des Johannes Bückler, wie der Schinderhannes bürgerlich hieß, als eine Art Robin Hood der Deutschen entzauberten am Sonntagabend Dr. Mark Scheibe von der Historischen Kommission für die Rheinlande von 1789 bis 1815 und Co-Referent Dr. Christian Pohl im Anwesen von Brigitte und Dieter Schleenbecker im früheren Gasthaus »Zum Grünen Baum«. Hier soll der Räuberhauptmann Schinderhannes 1801 und 1802 residiert haben. Melbachs Pfarrer Götz hielt das 1806 im Kirchenbuch fest, sein Nachfolger Nies bekräftigte dies nochmals 100 Jahre später. Während Scheibe für glaubwürdig hält, dass der Schinderhannes in Melbach war, misst er einer Episode in Södel nur einen Wahrheitsgehalt von 20 Prozent zu, da die gleiche Geschichte aus vier weiteren Orten erzählt worden sei.

Ein einfacher Krimineller

Das Ambiente des ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesens mit Gaststättenbetrieb bildete einen guten Rahmen, um sich in die Zeit vor über 200 Jahren zu versetzen. Die beiden Referenten vermittelten mit zitierten Drohbriefen des Schinderhannes sowie Auszügen aus Gerichtsprotokollen eine authentisches Bild der damaligen Ereignisse in einer von zahlreichen Kriegen geprägten Zeit mit vielen entwurzelten Menschen, die ins kriminelle Milieu abgerutscht waren. Der berüchtigte Räuberhauptmann Schinderhannes, dessen Bezeichnung darauf zurückgeht, dass er bei drei Abdeckern eine Lehre begonnen hatte, wurde wahrscheinlich im Herbst 1779 im Taunus geboren und am 21. November in Mainz enthauptet.

Sein Unwesen mit Raub und Mord betrieb er zunächst im Hunsrück. Von dort setzte er sich ins Rechtsrheinische ab, da in der hiesigen Kleinstaaterei eine effektive Verfolgung von Verbrechern schwieriger war als links des Rheins, dass inzwischen zu Frankreich gehörte. In französischen Akten wurde der Schinderhannes als Staatsfeind vermerkt. Diese Überbeurteilung war eine Grundlage der Heroisierung eines einfachen Kriminellen. Dennoch schaffte es Bückler bis zu seinem Tod im Alter von 24 Jahren auf von ihm zugegebene 130 Straftaten zu kommen.

An ihren zeitweisen Mitbürger Schinderhannes erinnern die Melbacher im Jahr der 1200-jährigen Ersterwähnung in dieser Woche. Im Hof in der Friedberger Straße begrüßte Vorstandsmitglied des Vereins »Gemeinsam für Melbach«, Magda Gerlach, die Besucher zu Vortrag und Ausstellung, darunter auch Erste Beigeordnete der Gemeinde Wölfersheim, Carmen Körschner. Die Ausstellung, die täglich von 17 bis 20 Uhr bis Freitag geöffnet ist, gibt auf Schaubildern einen Blick auf die Jahre der französischen Revolution bis zum Wiener Kongress 1815 und die Auswirkungen auf den hiesigen Raum. Die Ausstellung in der Scheunentenne beinhaltet auch Soldatenausstattungen sowie benutzte Kugeln. Als besondere Attraktion ist eine Guillotine zu sehen.

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