04. September 2018, 19:16 Uhr

Der Traum von der Hofreite

04. September 2018, 19:16 Uhr
Der Infoabend mit Dr. Björn Hekmati in Echzell ist gut besucht. (Foto: pv)

Wie kann es gelingen, historische Immobilien in den Dorfkernen in ein malerisches Zuhause zu verwandeln? Antworten darauf gab’s beim Infoabend »Landlust Wetterau – Ich will raus«, zu dem die Wirtschaftsförderung Wetterau und der Verein Wirtschaft.Regionalentwicklung Wetterau für Donnerstag nach Echzell eingeladen hatten. 130 Jüngere und Ältere, Landleute und Städter hörten Vorträge und Erfahrungsberichte, tauschten sich aus und schauten sich Hofreiten an, die für ihren Lebenstraum infrage kommen könnten.

»Ich will raus« hatte Dr. Björn Hekmati von der TU Darmstadt seinen Vortrag überschrieben. Raus wollten viele Menschen, und zwar aus gutem Grund: Das Leben auf dem Land sei günstig, sozial, gesund. Doch diesen Wunsch zu bedienen, indem am Ortsrand Neubauten hochgezogen würden, hält Hekmati für falsch. Leerstände in den Ortskernen zu nutzen, sei sinnvoller, denn dort spiele sich das (Gemeinde-)Leben ab. Also raus aufs Land, aber gleichzeitig rein in die Orte.

Altbaulotsen stehen zur Seite

Hekmati lenkte den Blick auch auf die Verpflichtung, die man mit Eigentum eingehe: Man solle sich bewusst sein, dass man kein günstiges Ferienhaus kaufe, sondern ein gänzlich neues Leben führen werde – mit anderen Menschen, die hier schon wohnten.

Ein Konzept für dieses Leben zu haben, halten die Altbaulotsen für notwendig. Sie stehen Eigentümern von leer stehenden Altbauten ebenso zur Seite wie Interessenten. Zwei dieser Altbaulotsen sind Sabine Schleicher und Gustav Jung, beide Architekten, beide verliebt in alte Gebäude. Doch Liebe dürfe nicht blind machen. Manche Gebäude gehörten nicht saniert, sondern abgerissen.

Jung hatte Beispiele dafür mitgebracht, dass ein ansprechendes Äußeres nichts über die inneren Werte aussagen muss. Bloß: Wie soll man das als Laie erkennen? Hier helfen die Altbaulotsen. »Wir bieten eine Klärung vor der Architektenleistung, was man mit dem Objekt anfangen kann«, so Jung. Seine Kollegin Schleicher unterstrich: »Wir wollen die Angst vor dem Denkmal nehmen.« Man könne Zuschüsse beantragen; zudem sei eine Sanierung womöglich steuerlich absetzbar.

Auch Schleicher und Jung sagten: Man ziehe in eine funktionierende Gemeinschaft. Das Leben auf dem Dorf sei ein anderes als in der Stadt. »Hier muss man teilnehmen.«

Wie gut sich das anfühlt, erzählten Menschen, die den Schritt in die sanierungsbedürftige Immobilie gewagt haben. Jörg Loleit etwa, der seit einem Jahr eine Hofreite in Butzbach-Fauerbach sein eigen nennt. Oder Dr. André Hülsbömer, der vor zwei Jahren ein Anwesen in Dauernheim erworben hat. Denkmalgeschützt ist es nicht. »Aber Brandschutz kann genauso schwierig sein«, sagte Hülsbömer. Er plant ein Gästehaus mit zehn Zimmern, außerdem einen Seminarraum. Kurzum: Eine Hofreite biete Raum für (Lebens-)Möglichkeiten. Zwei Tipps hatte Hülsbömer für Gleichgesinnte: Sucht euch jemanden, der etwas von Fachwerk versteht. Und: Es dauert länger und kostet mehr, als Ihr geplant habt.

Mittendrin in der Gemeinschaft

Doch es lohnt sich, sagten Achim und Julia Andersch. Ende 2014 haben sie eine leer stehende Kurpension in Bad Salzhausen gekauft und auf Vordermann gebracht. »Wir sind mittendrin in der Gemeinschaft, mitten im bunten Leben.« Auch Dr. Jochen Degkwitz, der Hausherr an diesem Abend, sagte: Stadt schön und gut, aber nach vielen Jahren dort habe ihn die Sehnsucht nach dem Land überkommen. Er beschrieb, wie er seine Hofreite mit Krediten und Fördermaßnahmen nach und nach saniert hat.

So wie Familie Degkwitz sich ein Eiland erschaffen habe, könne eine Hofreite auch für andere Menschen eine Lebensalternative zur Stadt bilden, sagte André Haußmann, Vorsitzender des Vereins Wirtschaft.Regionalentwicklung.Wetterau. Zugleich gelte es, die Lebensqualität in der Wetterau zu erhalten, sie selbstbestimmt und strukturiert weiterzuentwickeln. Bernd-Uwe Domes, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, ergänzte, Kommunen, Bürger und Unternehmen sollten an der Entwicklung im Rhein-Main-Gebiet profitieren. Dabei gelte es, eine kluge Balance aus sozialen, ökologischen und ökonomischen Aspekten zu wahren.

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