30. Oktober 2019, 20:01 Uhr

Der »deutsche Sokrates« aus dem Getto

30. Oktober 2019, 20:01 Uhr
Christoph Schulte

»Eine Ikone der Berliner Aufklärung«: So nannte Professor Christoph Schulte von der Universität Potsdam den 1729 geborenen und 1786 in Berlin verstorbenen Religionsphilosophen Moses Mendelssohn in seinem eindrucksvollen Vortrag im Rahmen der philosophischen Reihe.

Mendelssohn, im Dessauer Getto aufgewachsen, nur Jiddisch sprechend, kommt als junger Mann nach Berlin, lässt sich mit allerhöchster Erlaubnis in der Spandauer Vorstadt nieder, beginnt in einem jüdischen Kontor zu arbeiten, erlernt innerhalb kurzer Zeit die deutsche Sprache und steigt in wenigen Jahren mit zahlreichen Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen zur Elite der deutschen Aufklärer auf - ohne jemals eine Universität besucht zu haben.

Prof. Schulte schritt die wichtigsten Stufen dieser singulären Karriere - Jahrzehnte vor der bürgerlichen Gleichstellung der Juden in Preußen im Jahr 1812 - ab und zeichnete ein faszinierendes Porträt des »deutschen Sokrates«, wie man den äußerlich so unscheinbaren Mendelssohn gerühmt hat. Die Lage der Juden in der Metropole des friderizianischen Preußen seit etwa 1750 war durchaus widersprüchlich, erklärte der Referent. Einerseits lebten die etwa 3500 Berliner Juden nicht im Getto - im Unterschied zu den meisten anderen Städten im Heiligen Römischen Reich. Friedrich II. als Freigeist war bekannt für seine Toleranz in philosophisch-religiösen Dingen - so lange keine Kritik an seiner Politik geübt wurde.

Ohne alte Zöpfe abzuschneiden

Andererseits war er kein Judenfreund, fühlte sich abgestoßen von jüdischer Religion und Lebensweise. Mendelssohn gewährte er nie eine Audienz, verlieh ihm auch nicht das Bürgerrecht - trotz seiner Verdienste um die deutsche Aufklärung, die in Berlin seit Mitte des Jahrhunderts eines ihrer Zentren hatte, ohne dass die Stadt über eine Universität verfügte, die erst 1810 im Zuge der preußischen Reformen gegründet wurde. Im Unterschied zur Gelehrtenaufklärung in den alten Universitätsstädten hat die Berliner Aufklärung bürgerlich-außeruniversitären Charakter. In den zahlreichen Berliner Kaffeehäusern wie dem »Gelehrten Kaffeehaus« ab 1755 ließ sich trefflich disputieren und philosophieren - ohne erst alte Zöpfe abschneiden zu müssen.

Die Hauptorgane der deutschen Aufklärung waren (im Unterschied zu Westeuropa) Literaturzeitschriften, von denen es um 1750 bereits etwa 250 gab. In ihnen fand - jenseits des Politischen - ein weitgehend unzensierter Diskurs der Geister statt. Auch Mendelssohn veröffentlichte in ihnen eine Vielzahl von Aufsätzen. Daneben verfasste er zahlreiche Werke - darunter den »Phaedon«, der bald zum in mehrere Sprachen übersetzten Bestseller avancierte. Mendelssohns Hauptwerk ist sein 1783 erschienenes Buch »Jerusalem«, in dem er für den gleichberechtigten Dialog der Religionen eintritt und jede Art von Dogmatismus und Obskurantismus kritisiert. Mit diesem Credo wird der Mann aus dem Dessauer Getto zum Wegbereiter der »Haskala«, das heißt, der jüdischen Aufklärung. Wogegen er sich jedoch verwahrte, waren öffentliche Dispute über das Für und Wider des Judentums. Der Schweizer Pfarrer und Autor Johann Kaspar Lavater versuchte Mendelssohn vergeblich zum Christentum zu »bekehren«. Eine angeregte Gesprächsrunde im Anschluss an den mit viel Beifall quittierten Vortrag legte Zeugnis ab vom großen Interesse der zahlreich erschienenen Hörer am Thema des Abends. (Foto: gk)

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