02. November 2018, 20:27 Uhr

Der menschliche Geist als Tabula rasa

02. November 2018, 20:27 Uhr
Frieder Schwitzgebel

Woher wissen wir, was wir wissen?: Unter dieses Motto stellte Dr. Frieder Schwitzgebel seinen mit viel Applaus bedachten Vortrag über den englischen Philosophen John Locke im Rahmen der Philosophischen Reihe.

Der 1632 als Sohn eines Juristen Geborene verfasst nach umfangreichen Studien der Logik, Metaphysik, Sprachen sowie Chemie und Medizin eine Flut von Publikationen über Erkenntnistheorie, Rechts und Staatsphilosophie, Theologie, Ökonomie, Mathematik, Medizin, Pädagogik und ist als Politiker, Geschäftsmann, Arzt und Erzieher tätig – z. B. des späteren Philosophen und Lordkanzlers Earl of Shaftesbury (dem der nächste philosophische Vortrag am 7. Dezember gewidmet sein wird). Der Schwerpunkt von Lockes Interessen liegt auf den Gebieten Erkenntnistheorie und Gesellschafts- bzw. Staatslehre.

Angeborene Ideen

Er ist der erste bedeutende Philosoph, der den Empirismus in der Philosophie salonfähig macht. Unser Geist, so eine von Lockes Hauptthesen, ist ein unbeschriebenes Blatt (»white paper«). Unsere Ideen, zum Beispiel der Gerechtigkeit, Schönheit, des Eigentums sind nicht angeboren, sondern – vereinfacht ausgedrückt – Resultate von sinnlichen Eindrücken und Wahrnehmungen, die von Verstand und Vernunft synthetisiert und auf begriffliche Ebene gebracht bzw. zu abstrakten Ideen »verarbeitet« werden.

Dieser empiristische bzw. sensualistische, d. h. vom Primat der Erfahrung und der sinnlichen Eindrücke ausgehende Ansatz findet seinen Niederschlag in der Formel »nihil est in intellectu quod non prius fuit in sensu« – nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war.

Mit dieser These steht Locke in diametralem Gegensatz zu Vorgängern wie René Descartes und auch dem vierzehn Jahre jüngeren Gottfried Wilhelm Leibniz. Lockes Kritiker von Leibniz bis Kant halten ihm entgegen, dass sinnliche Wahrnehmung nur aufgrund einer – unabhängig von jeglicher Erfahrung – apriorischen Struktur unseres Verstandes, der sog. »angeborenen Ideen«, möglich und abstrahierbar sei. Der zweite Schwerpunkt von Dr. Schwitzgebels äußerst informativem Vortrag lag auf John Locke’s Staatstheorie und Eigentumslehre, d.h. seinen 1689, im Jahr der »Glorious Revolution«, erschienenen »two treatises of government«. Hier entwickelt der Philosoph seine Lehre von Volkssouveränität, Gesellschaftsvertrag, Gewaltenteilung und Privateigentum – und wird damit zum Begründer des bürgerlichen Liberalismus. Die elementarste Form von Eigentum ist das am eigenen Körper, dem keine äußere Gewalt willkürlich Leid antun darf. Von diesem naturrechtlichen Grundsatz ausgehend, betrachtet Locke auch das Eigentum an Geld, Immobilien, etc. als unverletzliches Grundrecht. Sein politisches Ideal ist – so der Referent – eine Gesellschaft kleiner und mittlerer Eigentümer ohne allzu große Vermögensunterschiede. Wer über kein Eigentum verfügt, bleibt dagegen jenseits von Lockes theoretischem Horizont.

Schwitzgebels verständlicher Vortrag endete mit Hinweisen auf Lockes Sprachtheorie, nach der die Struktur unserer Sprache den – unüberschreitbaren – Horizont unserer Realitätswahrnehmung bildet. (Foto: gk)

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