13. Oktober 2017, 20:53 Uhr

Die Abgründe der Moderne

13. Oktober 2017, 20:53 Uhr
Autor Jérôme Ferrari (M.) hat einen Abstecher zu Bindernagel gemacht. Der Franzose stellt seinen Roman vor. Moderiert und übersetzt wird die Lesung von Mareike Boldt (l.) und Lea Herrmann. (Foto: gk)

Jérôme Ferrari hat sich Zeit genommen. Zeit, um von der Frankfurter Buchmesse zu einem Abstecher nach Friedberg zu kommen. Am Dienstagabend stellte er der Buchhandlung Bindernagel bei »Friedberg lässt lesen« seinen Kurzroman »Ein Gott ein Tier« vor.

Jérôme Ferrari wurde 1968 in Paris geboren. Der Romancier lebt auf Korsika. Er liest aus seinem 2009 erschienenen und in diesem Jahr ins Deutsche übertragenen Roman »Ein Gott ein Tier« und wird dabei assistiert von Lea Herrmann, die als kompetente Moderatorin des Abends die französischen Texte in deutscher Übersetzung vorträgt.

»Gewiss, die Dinge enden. Auf ihre rätselhafte und grausame Weise schlecht und lassen sämtliche Illusionen der Hellsichtigkeit an sich zerschellen. Du bist fortgegangen, die Welt hat dich nicht umarmt, und als du zurückkehrtest, da war dies nicht mehr dein Zuhause.« Mit diesen Sätzen beginnt der 100-seitige Text Ferraris – eine atemlose »tour de force« durch die Gefühlswelt der Hauptperson, die sich im Roman mit »Du« anspricht und damit zu sich selbst auf Distanz geht.

In einem schonungslosen inneren Monolog rechnet der (Anti-)Held mit seinem verfehlten Leben ab. Er verlässt die Heimat aus Überdruss, um sich auf fremdem Boden als Söldner – im Stil der ehemaligen französischen Fremdenlegion – zu verdingen. Die hier erlebten Grausamkeiten richten ihn physisch und moralisch zugrunde. Als gebrochener Mann kehrt er in eine fremd gewordene Heimat zurück, in der niemand mehr etwas mit ihm zu tun haben will. Auch Magali, ehemaliges Objekt seiner kindlichen Verehrung und mittlerweile zur erfolgreichen Unternehmerin geworden, kennt ihn nicht mehr.

Der abgrundtiefe Pessimismus Ferraris speist sich unter anderem aus der Philosophie Arthur Schopenhauers, für den Leben und Leiden identisch sind. Die Folie, vor der sich die Romanhandlung abspielt, ist eine vom Zwang der ökonomischen Rationalität pervertierte Gesellschaft. Wie in einem lichtlosen Gefängnis leben Menschen, die sich, ihren eigenen Gefühlen, Hoffnungen und Träumen selbst entfremdet sind.

Atemlose Lesung

Ferrari liest in Friedberg genauso atemlos, wie sein Roman geschrieben ist – in langen Textblöcken mit nur wenig Absätzen. Der sich darauf einlassende Leser wird in einen Strudel aus schmerzhafter Selbstreflexion und Sozialkritik hineingezogen. Licht scheint nur auf in der Erinnerung an sonnenbeglänzte Kindheitstage.

In dem auf die Lesung folgenden, von Lea Herrmann geleiteten Gespräch gab Ferrari, der auch als Philosophielehrer arbeitet, interessante Einblicke in sein Denken. »Muss es so pessimistisch sein?«, lautete eine von mehreren kritischen Fragen an den Autor. Sein Roman sei auch Ausdruck einer Sehnsucht, über deren Unerfüllbarkeit sich die Hauptperson jedoch keinen Illusionen hingebe. Die ihm vorangestellten Zeilen des altpersischen Mystikers Al-Halladsch (er wurde als Ketzer verbrannt) sollen, so Ferrari, die Einheit alles Gegensätzlichen zum Ausdruck bringen. »Seit mir die Gewißheit war, dass nah und fern eins sind«: Nur wer sich dieser, der ratio unzugänglichen, »unio mystica« auf meditativem Wege innewerde, der sehe in dem scheinbar Negativen auch immer dessen positives Gegenteil.

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