17. September 2019, 20:56 Uhr

»Die Friedberger schauten tatenlos zu«

17. September 2019, 20:56 Uhr
Hans-Helmut Hoos berichtet (v. l.) Rebecca Menzel, Merle Ljungh und Christel Bohl von von der Geschichte der auf der Ober-Wöllstädter Höhe begrabenen Friedberger Juden.

In Friedberg bestand bereits im Mittelalter eine bedeutende jüdische Gemeinde. Um 1600 umfasste sie 500 Mitglieder und war damit eine der größten jüdischen Gemeinden in Deutschland. Welche Spuren der jüdischen Bevölkerung lassen sich heute noch in Friedberg finden? Um dieser Frage nachzugehen, trafen sich Vertreter aus Vorstand und Fraktion der CDU mit Lokalhistoriker Hans-Helmut Hoos auf dem neuen jüdischen Friedhof auf der Ober-Wöllstädter Höhe.

1933 lebten laut Hoos 305 Juden in der Stadt - 2,7 Prozent von insgesamt 11 130 Einwohnern. Er beschrieb den Unionspolitikern die Vorkommnisse im Anschluss an die Pogromnacht, als es in den Mittagsstunden des 10. November 1938 zu massiven Gewaltakten und Übergriffen auf die jüdischen Bürger der Stadt kam. Friedberger Bürger - Angehörige der SA, Geschäftsleute, Jugendliche und Kinder aus Hitlerjugend und Jungvolk - hätten die Juden durch die Straßen geprügelt, deren Wohnungen und Läden geplündert. Auch wurde die Synagoge verwüstet und in Brand gesteckt. Hoos: »Große Teile der Bevölkerung und die Polizei schauten diesem Pogrom tatenlos zu.«

Am 5. Februar 1942 wurden noch 63 jüdische Einwohner in der Stadt gezählt. Am 16. September 1942 erfolgte ihre Deportation; Sammelplatz war die Turnhalle der Augustinerschule, in der die Menschen die Nacht vor der Deportation verbringen mussten, wie Hoos berichtete. Von hier aus seien sie in die Vernichtungslager Theresienstadt und Auschwitz verfrachtet worden. »Damit war das Leben der jüdischen Gemeinde in Friedberg ausgelöscht.«

Auf dem neuen jüdischen Friedhof auf der Ober-Wöllstädter Höhe künden 13 Grabsteine von den letzten jüdischen Bewohnern der Stadt, die nach Auflassung des alten Judenfriedhofs an der Ockstädter Straße im Jahr 1934 dort - weit außerhalb ihrer Heimatstadt - ihre letzte Ruhestätte fanden. Hoos erläuterte den CDU-Vertretern, darunter Stadtverordnetenvorsteher Hendrik Hollender, zunächst die Besonderheit eines jüdischen Friedhofs. Dieser sei für Juden ebenso bedeutsam wie die Synagoge. »Der Tote soll an diesem Platz in Ewigkeit ruhen dürfen. Den Toten darf der Ruheort nicht genommen werden, da sie auf die Auferweckung ›am Ende der Tage‹ und auf ein ewiges Leben von Leib und Seele warten.« Ein Friedhof sei für gläubige Juden somit unantastbar.

Eine Umbettung oder Neubelegung der Totenstätte, die auf christlichen Friedhöfen häufig erfolgt, sei auf einem jüdischen Friedhof undenkbar. Er spiegele auch das Prinzip der Vergänglichkeit wider, weshalb es keinen Blumenschmuck oder auf Hochglanz polierte Grabsteine gebe. Die Geburts- und Sterbedaten auf den 13 Grabsteinen umfassen einen Zeitraum von über 100 Jahren. »Diese Zeitspanne von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1939 beinhaltet die hoffnungsvollste und die finsterste Zeit der jüdischen Geschichte in Friedberg«, sagte Hoos und schilderte noch die Lebensgeschichte einiger auf dem Friedhof begrabener jüdischer Bürger. Hoos: »Den hier begrabenen letzten Friedberger Juden ersparte ein gnädiges Schicksal die Deportationen und die Grausamkeiten der Vernichtungslager.« (Foto: pm)

Schlagworte in diesem Artikel

  • CDU
  • Friedberg
  • Friedhöfe
  • Hitlerjugend
  • Juden
  • Judenfriedhöfe
  • Ober-Wöllstadt
  • Polizei
  • Friedberg
  • Redaktion
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 5 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.