11. August 2017, 20:24 Uhr

Sopran und Gambe

Diese Musik ist zu Unrecht vergessen

Die Musikstücke sind kaum bekannt finden aber sofort Anklang bei den Zuhörern. Ds Duo »Cantar alla Viola« beweist, dass Renaissancemusik zu Unrecht vergessen ist.
11. August 2017, 20:24 Uhr
Souverän bis in die höchsten Stimmlagen: Die Sopranistin Nadine Balbeisi begleitet von Gambist Fernando Marin. (Foto: gk)

Johann Walter, Heinrich Isaac, Sylvestro di Ganassi, Juan del Encina: Diese Namen von Komponisten der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind außer Musikhistorikern kaum jemandem bekannt – werden ihre Werke doch nur noch selten gespielt. Dass sie jedoch zu Unrecht vergessen sind, zeigte aufs Schönste das kleine, aber feine Konzert des Duos »Cantar alla Viola« in der gut besuchten Johanneskirche. Die jordanisch-amerikanische Sopranistin Nadine Balbeisi und der spanische Gambist Fernando Marin präsentierten insgesamt 16 kürzere Stücke der obengenannten und einiger weiterer Tonsetzer – darunter neun Werke aus dem deutschsprachigen und sieben aus dem spanisch-italienischen Kulturraum.

»Cantar alla Viola«: Das war im 16./17. Jahrhundert die hohe Kunst der Gesangsbegleitung mit einer Viola da Gamba bzw. einer Vihuela de arco – den Vorläufern des heutigen Violoncello. Dafür gab es strenge Regeln wie zum Beispiel die »Regola Rubertina« aus dem Jahr 1542. Ihr Verfasser ist der 1492 bei Venedig geborene Gambist und Flötist Sylvestro di Ganassi. Er wirkte u.a. als Hofmusiker der Dogen am Markusdom in Venedig. Nadine Balbeisi und ihr Partner (er ist Spezialist für Instrumentenkunde und historische Aufführungspraxis) zeigten in zwei »Ricercaren« Ganassis, daß solch regelhafte Musik alles andere als trocken oder eintönig sein muß. Die Sopranistin interpretierte die fast 500 Jahre alten Weisen souverän bis in die höchsten Stimmlagen hinein – diskret begleitet von Fernando Marin an der Viola bzw. Vihuela.

Der 1468 in Spanien geborene Juan del Encina entstammte einer Familie nach 1492 zwangsgetaufter Juden und wirkte zwischen 1510 und 1519 für den Borgia-Papst Alexander VI. und dessen beide Nachfolger. Sein Grab befindet sich in der ehrwürdigen Kathedrale von Salamanca. Mit zwei melancholischen Liedern war er in der Johanneskirche vertreten.

Ein echtes Erlebnis

Es waren kostbare, erlesene musikalische Perlen wie diese, welche das Konzert zu einem echten Erlebnis werden ließen.

Dies gilt auch für den um 1450 in Brügge geborenen flämischen Sänger und Komponisten Heinrich Isaac. Er wirkte u.a. am Hof der Medici in Florenz und war mit Lorenzo il Magnifico befreundet. Gleich drei heitere Miniaturen von ihm bildeten einen reizvollen Kontrast zu den Liedern Juan del Encinas. Nadine Balbeisis glockenheller Sopran ließ all dies lebendig werden – ohne es seiner historischen Patina zu berauben.

Johann Walter – 1496 im thüringischen Kahla geboren und 1570 in Torgau an der Elbe gestorben: Er dürfte wohl der heute noch bekannteste der in der Johanneskirche vorgestellten Tonsetzer sein. Viele seiner Lieder sind bis heute im Evangelischen Gesangbuch zu finden. Mit Martin Luther brachte er in Wittenberg die reformierte »Deutsche Messe« auf den Weg. Und nicht zuletzt gilt Walter als »Urtyp« des evangelischen Stadtkantors. Die bekannte Weihnachtsweise »Vom Himmel hoch, da komm’ ich her« und das wahrhaft herzerfrischende »All’ Morgen ist ganz frisch und neu« gaben Einblick in sein Liedschaffen.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Evangelische Kirche
  • Heinrich Isaac
  • Martin Luther
  • Musikalische Werke und Musikstücke
  • Bad Nauheim
  • Gerhard Kollmer
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen