17. April 2019, 19:57 Uhr

Drei Meister ihrer Instrumente

17. April 2019, 19:57 Uhr
Das Stuttgarter Cello-Trio hat sechs Stücke für drei Violoncelli im Gepäck. (Foto: gk)

Der musikalische Laie dürfte kaum eines der zu Gehör gebrachten Werke gekannt haben. Das Stuttgarter Cello-Trio (Wolfgang Düthorn, Panu Sundqvist und Markus Tillier) hatte sechs Stücke für drei Violoncelli im Gepäck – um sie in den folgenden anderthalb Stunden im alten Hallenbad zur großen Freude der 90 Besucher auf höchstem Niveau zu interpretieren. Dabei spannte sich der Bogen von dem 1670 geborenen französischen Barockkomponisten Caix d’Hervelois (einem Schüler des seinerzeit berühmten Marin Marais) bis hin zu Mauricio Kagels avantgardistischem »Con voce für drei stumme Spieler« aus dem Jahr 1972.

Perfektes Zusammenspiel

Bereits nach den ersten Takten aus Hervelois’ fünfsätziger »Suite für drei Violoncelli« wurde deutlich, dass an diesem Abend ein außergewöhnliches Hörerlebnis bevorstand. Die drei Cellisten musizierten auf höchstem Niveau, meißelten jeden Ton regelrecht heraus, meisterten die Anforderungen der zum Teil virtuosen Einzelsätze und glänzten durch nahezu perfektes Zusammenspiel. Mit großer Empathie verstanden sie es, die Besonderheiten der dargebotenen Stücke herauszuarbeiten.

Feierlich getragen beginnt Hervelois‹ ursprünglich für Viola da gamba gesetzte Suite. Lentement – Vite – Menuet – Plainte (Klage) – Napolitaine: Das barocke Werk changiert kontrastreich zwischen leidenschaftlicher Klage, tiefer Innigkeit, heiterer Beschwingtheit. Hervelois’ Zeitgenosse François Couperin zählt zu den drei bedeutendsten französischen Tonsetzern des Barock. Am Hof Ludwigs XIV. musste er unzählige Stücke für den musikliebenden »Roi Soleil« komponieren – so auch die »Cinq pièces en concert pour trois violoncelles«. Der Einfallsreichtum des »compositeur royal« schlägt sich bereits in den ungewöhnlichen Satzbezeichnungen nieder: Von tänzerischer Leichtigkeit und Fanfarenklängen führt der Weg zum stürmisch bewegten Schluss. Zwischen den Stücken der Barockmeister erklang Krzysztof Pendereckis »Serenata per tre violoncelli«. Das kurze Stück besticht durch sein Changieren zwischen Tonalität und Atonalität.

»Con voce für drei stumme Spieler«: Der paradoxe Titel von Mauricio Kagels 1972 entstandener, weitgehend stummer Performance kündigt ein faszinierendes Experiment an. Nur scheinbar ihre Instrumente spielend, geben die drei Musiker leise, gedehnt-unartikulierte Geräusche von sich. Kein Ton wird gespielt, kein Wort gesprochen. Stille wird hörbar – im Saal ist es mucksmäuschenstill. Nur von draußen dringt leises Vogelgezwitscher herein. Hier »erklingt« Musik am Rande des Verstummens. Jeglicher Erdenschwere enthoben: So ließe sich Joseph Haydns, seinem fürstlichen Gönner Eszterházy gewidmetes, wunderbares »Divertimento für drei Violoncelli« auf einen kurzen Nenner bringen. Hochvirtuose Passagen mit schnellen Kadenzen kontrastieren mit sonoren Kantilenen. Die exzellente Akustik der ehemaligen Schwimmhalle läßt besonders dieses Werk zum großen Erlebnis werden. Bereits als 15-Jähriger spielte der 1859 geborene Julius Klengel im Leipziger Gewandhausorchester, dessen 1. Solocellist er wenige Jahre später wurde. Dass er auch als Tonsetzer höchsten Anforderungen genügte, zeigte seine zum Abschluss eines wunderbaren Konzertabends zu Gehör gebrachte fünfsätzige »Kleine Suite für drei Violoncelli«, die in einer fugenartigen »fughetta« ausklingt.

Drei Zugaben: Die gibt es nur, wenn der Schlussapplaus beglückter Hörer nicht enden zu wollen scheint.

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