Wetterau

Edgar Itt: Ein Leben als Hürdenlauf

Als Kind wurde Edgar Itt in seinem Wetterauer Heimatdorf ausgegrenzt. Itt war als junger Mann ein Weltklasseläufer, heute ist er Mental-Trainer. Wie hat er seine Ziele trotz hoher Hürden erreicht?
06. November 2019, 08:00 Uhr
Petra Ihm-Fahle
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Über die Hürde zu springen, ist nichts für Claudia Kutschker. Dafür erfährt sie von Edgar Itt, wie es bei mentalen Hürden funktioniert. (Foto: Petra Ihm-Fahle)

Wollen Sie drüber springen?«, fragt Edgar Itt. Claudia Kutschker schaut skeptisch. Die Grünen-Stadtverordnete steht vor einer Hürde, neben ihr der einstige Weltklasse-Hürdenläufer. »Nein?«, lacht Itt. »Ich will Ihnen aber zeigen, wie es mental geht.« Schauplatz ist das Café Johannisberg, wohin der Verein Wirtschaft für Bad Nauheim eingeladen hat. 80 Zuhörer sind mit von der Partie, als Itt seinen Vortrag hält, eingerahmt durch Beiträge der Musikschule. »Olympia steckt in jedem - Inspiration und Motivation«, lautet das Motto.

»Mein Ziel ist, zu inspirieren«, sagt der 52-Jährige. Er fordert die Zuhörer zunächst auf, einander zu schildern, welche zwei wichtigsten Eigenschaften ihre Persönlichkeit ausmachen. Anschließend sollen sie sich erzählen, welches Erlebnis sie am stärksten positiv inspiriert hat. Denn oft erinnert sich der Mensch eher an Negatives. Das gegenseitige Zuhören bezeichnet Itt dabei als wichtige Gabe. »Denn oft denkt man schon darüber nach, was man selbst sagen möchte.«

Seine Botschaften transportiert er über Geschichten, beispielsweise: 2003 war Itt Olympia-Botschafter für Frankfurt und gewann bei einer Aktion gegen den schnellsten, eigens trainierten Schäferhund der Polizei. Möglich war dies, weil Hunde nicht über Hürden laufen, sondern springen. Das kurze Innehalten vor dem Sprung kostete den Vierbeiner Zeit. »Egal, wovor wir im Leben stehen, wir sollten über Hürden laufen, nicht springen«, folgert Itt.

Mutter als großes Vorbild

Eine seiner weiteren Geschichten dreht sich um einen Drehbuchautor, der wenig erfolgreich war. Als er eines Tages ein neues Manuskript an einen Produzenten schickte, bekam er den Umschlag mehrfach ungeöffnet zurück. Schließlich verkleidete sich der Autor als Polizist, betrat das Restaurant, in dem der Produzent täglich aß. »Das lesen Sie jetzt«, knallte er ihm das Drehbuch auf den Tisch. Hätte Gene Roddenberry das nicht getan, gäbe es »Raumschiff Enterprise« nicht. »Unsere größte Schwäche ist das Aufgeben. Der sicherste Weg zum Erfolg besteht darin, immer wieder einen neuen Versuch zu wagen«, zitiert Itt den Erfinder Thomas Edison.

Nun wird es gefühlvoll, Itt spricht über seine Mutter: »Sie ist für mich das größte Vorbild an Authentizität.« 1967 wurde er in Gedern geboren, wuchs in Ortenberg auf. Als die bereits zweifache Mama mit ihm schwanger war, ging sie zu ihrem Mann und bekannte: Das Kind war von einem anderen Mann, einem schwarzen GI, der mittlerweile in Vietnam umgekommen war. Auf Anordnung des Gatten musste der Junge nach der Geburt sofort ins Heim, doch die Mutter holte das Baby zurück. Der Ehemann stimmte zu, war ihm ein guter Vater, starb aber bereits dreieinhalb Jahre später.

Beleidigt und geschnitten

In dem Dorf, das damals 1500 Bewohner hatte, wurde die Familie beschimpft, beleidigt und geschnitten - über Jahre. »Trotzdem hat meine Mutter an ihrer Authentizität festgehalten.« Geholfen habe Zusammenhalt, ein weiteres Merkmal mentaler Stärke. Das Laufen als Sport wurde dem siebenjährigen Edgar von seinem Großvater nähergebracht. Der Opa glaubte an den Enkel, spornte ihn an, bestärkte ihn. Itt beendet seinen Vortrag auf Englisch, in der Sprache seines leiblichen Vaters: »Jede Vision hat ein Feuer, das im Inneren brennt.« Letztlich komme es aber darauf an, was der Mensch daraus macht.

Vereinsvorsitzender Dr. Johannes Peil erklärt die Intension der Jahresveranstaltungen so: »Wir möchten, dass sich ein Austausch mit Leuten ergibt, die etwas zu sagen haben.« Das ist gelungen.

Sieg mit kaputten Turnschuhen

Edgar Itt wurde 1967 in Gedern geboren, wuchs in Ortenberg auf. Seine großen sportlichen Erfolge hatte er zwischen 1985 und 1994. Alles begann, als sein Großvater mit ihm Laufen übte. Als ein Wettlauf durch den Wald anstand, sagte er dem Jungen: »Da läufst du gegen die anderen Kinder.« Der Opa gab ihm den Tipp, hinter dem Ersten zu bleiben, um ihn am Ende zu überholen. Kurz vor dem Ziel rief der Großvater: »Lauf, Junge!« Edgar zog vorbei und gewann. Trotz kaputter Turnschuhe, denn die Familie war arm.

Mit 17 Jahren setzte sich Edgar das große Ziel, bei den Olympischen Spielen mitzumachen. Seine Kumpels lachten, doch der Opa sagte: »Ich glaube an dich.« Er riet ihm, sein Training zu ändern. Itt sprach mit Vereinsvertretern und durfte in der Gruppe des Olympioniken Harald Schmid trainieren. Zwei Jahre später war Itt einer der schnellsten jugendlichen Hürdenläufer der Welt. Auf Rat Schmids lief er künftig mit dem linken statt dem rechten Bein über die Hürde. Dadurch konnte er die Kurven schneller nehmen. Zwei Jahre später gewann der Ortenberger mit der Staffel Bronze bei Olympia in Seoul. Dr. Johannes Peil und Günter Wagner von der Bad Nauheimer Sportklinik waren damals als Betreuer dabei.

Artikel: https://www.giessener-allgemeine.de/regional/wetteraukreis/friedbergbadnauheim/Wetterau-Edgar-Itt-Ein-Leben-als-Huerdenlauf;art472,641845

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