04. Juli 2017, 10:55 Uhr

Missbrauchs-Prozess

»Ein Drecksack, aber noch lange kein Kinderschänder«

Jahrelang soll ein Mann aus der Wetterau seine Tochter sexuell missbraucht haben. Doch auch die Glaubwürdigkeit der jungen Frau steht in Zweifel.
04. Juli 2017, 10:55 Uhr
Hat sich die damals minderjährige Tochter die sexuellen Übergriffe ihres Vaters ausgedacht? Das Gießener Landgericht muss diese Frage beurteilen. (Symbolfoto: dpa)

Schwere Arbeit wartet auf die Jugendstrafkammer am Gießener Landgericht im Falle des 59-jährigen Vaters aus Ober-Mörlen, der über viele Jahre seine Tochter sexuell missbraucht haben soll. Denn die Plädoyers fielen genauso unterschiedlich aus wie die Aussage der Beteiligten. Dabei ist Dreh- und Angelpunkt bei diesem Verfahren die Glaubwürdigkeit des Opfers der heute 19-jährigen Tochter des Angeklagten. Zweimal hatte das Gericht sie in den Zeugenstand gerufen, denn nach ihrer ersten Aussage waren Zweifel aufkommen, ob die Vorwürfe der jungen Frau nicht doch ausgedacht und als Racheakt zu werten seien. Die sexuellen Übergriffe sollen alle im Zeitraum von 2008 und 2013 stattgefunden haben. Bis in die kleinesten Einzelheiten hatte die Tochter die Erlebnisse mit ihrem leiblichen Vater geschildert. Am 12. Mai 2013 soll es einen letzten Übergriff im nahegelegenen Wald zum Wohnort der Familie gegeben haben – mit Oralverkehr im Auto. An diesem Tag aber hatte auch eine Konfirmationsfeier in Ober-Mörlen stattgefunden, bei der der Angeklagte nachweislich anwesend war. Die Sachverständige hatte diesen zeitlichen Widerspruch mit möglichen Erinnerungslücken beim Opfer erklärt.

Der Angeklagte, der über zwei Jahrzehnte ein Doppelleben mit zwei Frauen gleichzeitig geführt hatte, stritt die Vorwürfe seiner Tochter rundweg ab. »Ich weiß nicht, warum sie so etwas macht«, sagte er immer wieder. Am Ende des Verhandlungstags am Montag sollte eigentlich das Urteil stehen, doch die Verteidigung zweifelte erst das Gutachten der Diplom-Psychologin an. Verteidiger Roland Frisch forderte deshalb ein neues. Nach längerer Beratung wurde dieser Antrag aber genauso abgelehnt wie seine weitere Forderung nach einem psychologischen Aussagegutachten des Opfers.

Für die Staatsanwältin Yvonne Vockert war die Sache hingegen klar. Sie hielt die Aussage des Opfers für absolut glaubhaft. Sie wertete die Aussagen und auch den Versuch, die sexuellen Übergriff einem Dritten (nämlich dem Opa des Opfers) in die Schuhe schieben zu wollen, als reine Schutzbehauptung des Angeklagten und forderte eine Gefängnisstrafe von vier Jahren und vier Monaten sowie Schmerzensgeld. Die Nebenklage, die das Opfer vertritt, ging noch weiter: Die junge Frau werde ihr ganzes Leben unter den Übergriffen zu leiden haben. Sie forderte fünf Jahre und zwei Monate.

Ganz anders sah dies die Verteidigung. Es gebe keine Beweise und auch keine Zeugen. »Alles nur Behauptungen und Unterstellungen.« Anders als die Staatsanwaltschaft und die Nebenklage geht Verteidiger Roland Frisch davon aus, dass die Tochter sehr wohl ein Motiv hat: »Sie will nicht, dass ihr Vater dieses Doppelleben zu Lasten ihrer Mutter weiterführt. Sie will das Verhältnis beenden, weil sie sich eine heile Familie mit ihrem Ziehvater, dem Ehemann ihrer Mutter, wünscht.« Sicherlich sei sein Mandant wegen seiner zwei Frauen ein »Drecksack«, weil er so lange mit zwei Frauen nebeneinander leben würde. »Aber deshalb ist er noch lange kein Kinderschänder.«

Weil keine der Anschuldigung bewiesen werden konnte, forderte Frisch einen Freispruch. Und falls das Gericht den Aussagen des Opfers doch Glauben schenken sollte, dürfe das Strafmaß zwei Jahre auf Bewährung nicht überschreiten, weil die angeblichen Taten schon sehr weit zurücklägen und der Angeklagte sich bisher nichts habe zu Schulde kommen lassen.

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