28. März 2017, 16:00 Uhr

Storchen-Kamera

Ein bisschen wie bei »Big Brother«

Was bei Menschen als sittenwidrig gilt, müssen Wilhelm und Wilma aus Lindheim erdulden. Jederzeit können dem ältesten Storchenpaar der Wetterau Wildfremde in Schlaf- und Wohnzimmer sehen.
28. März 2017, 16:00 Uhr
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Von Oliver Potengowski
5000 Euro kostet die Technik, die Andre Weitzel und Axel Heise (o. l.) installieren. (Fotos: sax)

Selbst der Toilettengang der beiden Störche bleibt Neugierigen nicht verborgen. Es ist ein bisschen wie bei »Big Brother«. Möglich macht das moderne Technik, die die Natur- und Vogelschutzgruppe Lindheim für rund 5000 Euro installiert hat. Dank der intensiven Arbeit der Lindheimer haben sich die Storchenpaare in der Nidderaue stark vermehrt. Allein im Dorf nisten in diesem Frühjahr sechs Storchenpaar. Dazu kommen weitere in den Nachbarorten. Mit einer neu installierten Kamera können die Störche jetzt live im Internet beobachtet werden.

Was bei Menschen als sittenwidrig gilt, müssen Wilhelm und Wilma im Interesse ihrer Arterhaltung erdulden. Die Videokamera mit Internet-Anschluss (Live-Bilder unter www.vogelschutz-lindheim.de) dient allerdings nicht dem Voyeurismus. Die Kameraüberwachung des Storchenhorstes half das Rätsel zu lösen, warum es in Lindheim nach guten Bruterfolgen seit 1997 in den Jahren 2001 und 2002 plötzlich keinen Nachwuchs mehr gab.

Im Kamerabild war sichtbar, dass sich nach Regenfällen in dem Storchennest das Wasser sammelte und dadurch eine Brut nicht mehr möglich war oder bereits geschlüpfte Jungstörche ertranken. Der Grund für das bisher unerkannte Problem war, dass der inzwischen 26 Jahre alte Wilhelm und seine Partnerin Wilma nicht mehr in den Süden ziehen. Dadurch und durch ihren Kot wurde das Nest verdichtet und es bildete sich am Boden eine wasserundurchlässige Schicht.


2,93 Jungstörche pro Jahr

Seit 2003 reinigen die Vogelschützer das Nest auf dem Kamin der ehemaligen Schnapsbrennerei im Hofgut Westernacher deshalb regelmäßig mit Unterstützung der Feuerwehr Büdingen. Dabei wird vor allem auch der Untergrund aufgehackt, damit sich kein Wasser am Nestboden stauen kann.

»Der Erfolg gibt uns Recht«, erklärt Wilhelm Fritzges, Vorsitzender der Natur- und Vogelschutzgruppe nicht ohne Stolz. Seit 1997 erstmals wieder Störche auf dem Kamin brüteten, hätten 48 Jungstörche das Nest verlassen. Die Lebenserwartung eines Storches liegt etwa zwölf bis 15 Jahre. Wilhelm, wie die Lindheimer ihren Storch getauft haben, ist bereits 26 Jahre alt.

Doch wichtiger als dieser Rekord ist die Entwicklung der Storchenpopulation in und um Lindheim in den letzten Jahren. Von 54 Storchenpaaren in der Wetterau im Jahr 2015 brüteten neun in Lindheim und Umgebung. Mit einem durchschnittlichen Bruterfolg von 2,93 Jungstörchen pro Paar liegt die Wetterau über dem Landesschnitt von 2,83.


Zu viele Störche auch nicht gut

Fünf Nistplätze gibt es in Lindheim und der unmittelbaren Nachbarschaft. Die seien alle belegt, erläutert Fritzges. Ein weiteres Storchenpaar hatte sich in den letzten Tagen verschiedene Strommasten an Wasserläufen zum Nestbau ausgesucht. Offenbar ist die Aue um Lindheim ein beliebtes Nistgebiet. »Wir könnten noch fünf Masten aufstellen, die wären auch alle belegt«, ist Fritzges überzeugt. Allerdings seien zu viele Störche eine Gefahr für die Bodenbrüter.

Er erinnert sich, dass Gerhard Strack, Initiator der Natur- und Vogelschutzgruppe, der auch die Winterfütterung der sesshaften Störche entwickelt hat, in den 80er Jahren nach Polen und Weißrussland gefahren sei, um Störche zu sehen. Inzwischen seien die Großvögel, die auch ein wesentlicher Teil des Ökosystems seien und große Mengen Feldmäuse fressen, wieder in unserer Kulturlandschaft heimisch.

Und dank der neuen Kamera können sie sogar gestochen scharf vom Schreibtisch aus beobachtet werden.

Info

Spender gesucht

Die Installation der Kamera aber auch die Pflege der ganzjährig belegten Nester erfordert neben ehrenamtlicher Arbeit auch erhebliche finanzielle Mittel. Deshalb freut sich die Natur- und Vogelschutzgruppe Lindheim über Spenden, die auf das Konto IBAN: DE68 5066 1639 0006 451 46 bei der VR-Bank Main-Kinzig-Büdingen überwiesen werden können.



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