14. November 2017, 20:19 Uhr

Eine Mahnung an der Wand

14. November 2017, 20:19 Uhr
Zeichen für Frieden und Respekt: Manfred de Vries vor dem neuen Wandgemälde, das Künstler gemeinsam mit Kindern und Jugendlichen am Judenplatz gestaltet haben. (Fotos: Haimo Emminger )

»Die herkömmlichen Gedenkveranstaltungen zum Judenprogrom sind nicht mehr zeitgemäß«, hatte der Historiker Hans-Helmut Hoos in einem Interview mit der WZ im September gesagt. Es komme darauf an, »dass wir die Jugend… authentisch mit diesen Geschehnissen in Verbindung bringen«. Dieser Leitgedanke wurde am Sonntag zweimal Realität, zunächst beim Gedenkgottesdienst in der Burgkirche und dann am neuen Wandbild am Judenplatz.

Pfarrerin Susanne Domnick hatte gemeinsam mit Chasan (Vorbeterin und Kantorin) Leah Frey-Rabine aus Bad Nauheim eine evangelisch-jüdische Liturgie vorbereitet, bei der Timo Kreuder aus Karben (Orgel und Klavier), Kirchenvorstand Hendrik Hollender und vier Konfirmandinnen mitwirkten.

Domnick stellte die Stunde unter das Motto »Aus Blindheit und Schuld zur Umkehr bewogen«. »Wir alle haben den Auftrag, uns für Respekt und Würde für alle Menschen einzusetzen«. Beeindruckend der Gesang der Kantorin aus Bad Nauheim zu den nach dem 3. Buch Mose von Gott empfangenen Geboten, abwechselnd in Hebräisch und Deutsch. Hollender übernahm die Lesung aus dem 3. Buch Mose. Vier Konfirmandinnen hatten sich mit dem neuen Wandgemälde in der Judengasse befasst. Sie schilderten ihre Eindrücke, sahen die ehemalige Synagoge an der Wand gespiegelt, das Recht auf Frieden, den Aufruf zu gegenseitigem Respekt und zur Gestaltung einer besseren Welt.

Nach einem weiteren hebräischen Lied erläuterte die Friedberger Pfarrerin die Forderung: Erinnern, umkehren, weitergehen! Das Ende des Judentums vor 75 Jahren sei wissenschaftlich erfasst, es übersteige aber alles denkbare Grauen. Das neue Bild an der Hauswand der Metzgerei sei eine Brücke zwischen gewesenen Geschlechtern und uns. »Vor 80 Jahren wollten viele verzweifelt raus, heute versuchen viele verzweifelt reinzukommen.« Es sei eine wundervolle Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Menschen in Würde leben können.

Anschließend versammelten sich die Mitglieder beider Glaubensgemeinschaften an der Gedenkstätte in der Judengasse, wo Bürgermeister Michael Keller daran erinnerte, dass Friedberg in den 80er Jahren begonnen hatte, das Pogrom in der Ortsgeschichte zu verankern. Auf Anregung von Helmut Hoos hätten sich Überlebende 1992 erstmals Friedberg »wieder vorsichtig angenähert«. 1996 wurde an dieser Stelle aus der Grünanlage die Gedenkstätte. Viele überlebende ehemalige Mitbürger hätten inzwischen ihren Weg in die alte Heimat gefunden. Keller sagte weiter: »Geschehenes nur durch Bücher weitertragen, reicht nicht. Wir haben es in die Stadt geholt und sind froh um die Vielfalt in unserer Stadt.« Durch den Fünf-Finger-Treff werde diese Vielfalt begrüßt und wahrgenommen. Verena Wittmann, die den Treffpunkt in der Altstadt betreut, erklärte, sie habe es sich mit Unterstützung der Stadt zur Aufgabe gemacht, den Synagogenplatz ins richtige Licht zu rücken.

Das Ergebnis des jüngsten Projekts »VerWandlung« ist mehr als eine Wandgestaltung geworden: Ganz im Sinne von Hans Helmut Hoos wurde im Oktober die Fassade gegenüber des Synagogenplatzes unter Leitung der Künstler Oguz Sen und Justus Becker mit den in der Stadtjugendpflege tätigen Michael Wolf, Kristina Jürgs und Nico Adam neu gestaltet. Zusätzlich haben zwölf Kinder und Jugendliche mitgemacht, fast alle mit Migrationshintergrund. So sind Elemente der früheren Synagoge entstanden, Friedenstaube, Respekt und Zueinanderstehen werden deutlich und waren das Ziel zweier Workshops.

Zum Abschluss der Gedenkstunde vervollkommneten die Künstler das Mural mit der Signatur »Nichts und niemand ist vergessen«. Manfred de Vries, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim, betonte, man müsse Unterschiede respektieren und nicht versuchen, zu missionieren. »Sonst ist meine Religion die bessere.« In der Gedenkstätte verlas Hoos die Namen der aus Friedberg deportierten Juden, bevor die Zeremonie mit einem Kaddisch endete.

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