06. Juni 2019, 20:21 Uhr

Eine gnadenlose Abrechnung

06. Juni 2019, 20:21 Uhr
Andreas Maier wurde in Bad Nauheim geboren. Seine Lesung ist nahezu ein Heimspiel. In seinem neuen Buch übt er vernichtende Kritik an der gutbürgerlichen Familie. (gk)

»Meine Familie ist eine Familie, die immer Grabsteine gemacht hat. Auch ihren eigenen.« Der soeben erschienene siebte Teil von Andreas Maiers auf elf Bände angelegtem Romanzyklus »Umgehungsstraße« trägt den Titel »Die Familie«.

Der 1967 in Bad Nauheim geborene Autor stellte ihn am vergangenen Mittwochabend im Hauptgebäude der Ovag im Rahmen von »Friedberg lässt lesen« in einer mit viel Applaus bedachten, gut einstündigen Lesung vor.

Die beiden eingangs zitierten Sätze auf der Umschlagrückseite des knapp 170-seitigen Buches weisen den Weg: In loser Episodenfolge wird hier der Untergang, die Selbstdemontage einer gutbürgerlichen Familie mehr als nur beschrieben. Maiers vernichtende Kritik seiner an ihren undurchschauten Lebenslügen zerbrechenden Familie wird regelrecht »inszeniert« - auf zum Teil hoch komische, ironisch gebrochene, oft an Zynismus grenzende Weise.

Schauplatz Seewiese

Die drei vom Autor gelesenen Episoden spielen Ende der 70er Jahre. Er ist 10, 11 Jahre; sein Bruder, um den sie kreisen, fünf Jahre älter. Die scheinbare Familienidylle wird - aus Sicht der Mutter - massiv bedroht durch linke Lehrer, die angeblich nichts anderes im Sinn haben, als ihre Schüler gegen die bestehende, seit Jahrhunderten bewährte Ordnung aufzuhetzen. Der von Jusos und anderen verkappten Revoluzzern auf der Seewiese betriebene »Kinderplanet« zieht den älteren Bruder magisch an und treibt den Eltern Angstschweißperlen auf die Stirn. Nur die abendlichen Kultshows und Ratespiele mit Peter Frankenfeld, Hans-Joachim Kulenkampff und dem »Dalli Dalli«-Juden Hänschen Rosenthal bieten gelegentliche Ablenkung angesichts des unmittelbar bevorstehenden Untergangs des Abendlands.

All dies schildert Maier auf hintergründig-komische Weise, die periodische Lacher beim zahlreich erschienenen Publikum hervorruft. Vor allem die fast nur noch in wörtlich wiederholten Stereotypen mit Ehemann und Kindern »kommunizierende« Mutter wird - stilistisch brillant - unbarmherzig der Lächerlichkeit preisgegeben. Ein fader Beigeschmack angesichts dieses Satzfeuerwerks bleibt: Kann ein Mensch wirklich so dumm, so verbohrt, so unbelehrbar sein wie diese Mutter im Roman?

Starke Passagen

Das Thema »Nationalsozialismus« darf in Maiers vernichtender Bilanz nicht fehlen. Es wird entweder beschwiegen oder mit vernebelnden Floskeln kleingeredet. Wieder ist es die Mutter, die als Kronzeugin dienen muss. Obwohl (sie ist Jahrgang 1935) selbst die »Gnade der späten Geburt« genießend, pariert sie Fragen der Kinder nach Familienmitgliedern mit brauner Vergangenheit immer wieder - sinngemäß - mit der »Antwort«: »Wir haben sogar den Juden mit Brennholz ausgeholfen.«

Die vielleicht stärkste Passage der von Maier gelesenen Abschnitte ist seine akribische Analyse solcher und ähnlich phrasenhafter Redensarten. Harmlos klingende Sätze offenbaren bei bewusstem Hören einen Abgrund an »Verstrickung« ins abgrundtief Böse.

Den intensiven Applaus des nicht nur gleichaltrigen Publikums sichtlich genießend, widmet sich der Erfolgsautor im Anschluss an seine Lesung der langen, für ein Autogramm anstehenden Hörerschar.

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