15. Oktober 2019, 20:32 Uhr

Eine musikalische Wanderschaft ins Nichts

15. Oktober 2019, 20:32 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Der in Butzbach lebende und international renommierte lyrische Tenor Markus Schäfer (r.) wird vom ebenso bekannten Pianisten Tobias Koch begleitet. (Foto: gk)

»Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.« Mit diesen Zeilen beginnt Franz Schuberts 1827 (im Vorjahr seines frühen Todes) entstandener 24-teiliger Liedzyklus »Winterreise«, D 911. Textvorlage sind Gedichte des 1794 geborenen und 1827 gestorbenen Lyrikers Wilhelm Müller. Löste die »Winterreise« in den ersten Jahrzehnten nach ihrem Entstehen noch überwiegend Befremden wegen ihrer unkonventionellen Tonsprache aus, begann spätestens in den 1860er Jahren ihre »Karriere« als eine der meist gesungenen deutschen Liedkompositionen überhaupt.

Der in Butzbach lebende, durch zahlreiche Auftritte, CD-Einspielungen und seine Lehrtätigkeit (seit 2008 als Gesangsprofessor an der Musikhochschule Hannover) international renommierte lyrische Tenor Markus Schäfer bewegte am vergangenen Sonntagabend in der ehemaligen Schwimmhalle des Alten Hallenbads die in großer Zahl erschienenen Zuhörer durch seine kongeniale Interpretation der »Winterreise« zu lang anhaltendem Applaus.

Liebe zu Historischem

Begleitet wurde er vom ebenso bekannten Pianisten Tobias Koch, der sich unter anderem durch seine zahlreichen Einspielungen auf historischen Instrumenten wie beispielsweise Cembalo, Clavichord, Hammerflügel Ansehen erwarb. Beide Musiker verbindet nicht zuletzt die Liebe zur historischen Aufführungspraxis. Franz Schuberts so schlicht, zuweilen fast volksliedhaft (»Am Brunnen vor dem Tore«) daherkommende Weisen entpuppen sich bei genauem Hören als äußerst kontrastreich, als ständiges Changieren zwischen Dur und Moll. Plötzliche Rhythmus- und Tonart-, Tempo- und Lautstärkenwechsel lassen diesen singulären Zyklus zu einem imposanten, zerklüfteten »Tongebirge« mit vielen Abgründen werden. Beide Interpreten (der Klavierpart ist in Schuberts späten Liedern wesentlich anspruchsvoller als in seinen früheren Vertonungen) kooperierten optimal; jeder ließ dem anderen Raum zur optimalen Entfaltung.

Bewusst an Schmerzgrenze

Tobias Kochs zuweilen »hartes«, forciertes Spiel streifte so manches Mal bewusst die Schmerzgrenze, um damit die wachsende Trostlosigkeit des einsamen, von allen Menschen verlassenen Wanderers durch eine lebensfeindliche Winterlandschaft regelrecht herauszumeißeln.

Überall dort, wo in den Liedern Reste von Hoffnung aufscheinen (wie zum Beispiel in dem erschütternden »Frühlingstraum«), werden sie bereits im nächsten Augenblick zunichtegemacht. Manchmal schien es, als wolle Markus Schäfer - stimmgewaltig, ausdrucksstark, mit präziser Diktion - geradezu »ansingen« gegen das unaufhaltsame Versinken des Wanderers in Verzweiflung, die schließlich in kalte Gleichgültigkeit und Lebensüberdruss mündet. Selbst der in solcher Lage naheliegende Freitod liegt dem Namenlosen fern. Dieses sängerische »Aufbäumen« Schäfers gegen das Unabwendbare ließ zuweilen einen merkwürdigen Zwiespalt zwischen Vorlage und Interpretation aufbrechen.

Sängerisch-spielerische Höhepunkte des Abends waren die Darbietungen von »Gefrorne Tränen«, »Irrlicht«, »Die Krähe«, »Der stürmische Morgen« und »Die Nebensonnen«. »Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann. Und mit starren Fingern dreht er, was er kann. Wunderlicher Alter, soll ich mit dir gehn? Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?« Mit diesen Zeilen über den vom Wanderer als Spiegelbild seiner selbst angesehenen Leiermann endet die »Winterreise«. Nach Sekunden betroffenen Schweigens brandeten oben genannte Ovationen auf, die glücklicherweise nicht mit einer Zugabe quittiert wurden.



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