13. November 2019, 20:16 Uhr

Eingepfercht im Hinterhaus

13. November 2019, 20:16 Uhr
Anne Frank (Marlene-Sophie Haagen) blickt von einer großen Leiter aus auf ihre neues Zuhause. (Foto: arc)

»Das ist das schönste Versteck in ganz Holland«, glaubte Anne Frank, als sie ihr neues Zuhause in einem Hinterhaus der Prinsengracht in Amsterdam bezog. Dass letztlich auch dieses schöne Versteck nur ein Käfig war und zudem nicht sicher, wusste sie 1942 noch nicht.

Bei dem Namen Anne Frank denkt man oft an den erhobenen Zeigefinger, gerade wenn ihr Tagebuch Thema eines Theaterstückes am Abend des 9. November ist, dem Jahrestag der Reichspogromnacht. Doch dieser erhobene Zeigefinger kommt in dem Theaterstück von Ulrich Cyran nicht vor, wirkt ganz anders auf sein Publikum ein.

»Florstadt kulturell« sowie »BuntErLeben« hatten dieses Stück mit der brillanten Besetzung Marlene-Sophie Haagen als Anne Frank und Vassily Dück als Begleitung am Akkordeon in den Saal Lux geholt. Wie Bürgermeister Herbert Unger in seiner Begrüßung sagte, feierten heute die meisten »30 Jahre Mauerfall«. Doch sei die Mauer weit weg und habe mit Florstadt nicht viel zu tun. Die Reichspogromnacht und was danach kam, damit habe Florstadt sehr wohl zu tun, und deshalb seien solche Veranstaltungen wichtig, dass sich die Geschichte nicht wiederhole.

Das Stück beginnt im Dunkeln mit Akkorden, die Dück nur auf dem Bassregister des Akkordeons spielt, düster, manchmal hohl, bedrohlich. Plötzlich erscheint die 13-jährige Anne Frank (Haagen) auf der Bühne, scherzt und erzählt sogleich von ihren Klassenkameraden sowie ihren Freunden und Nicht-Freunden. Dabei bemerkt sie, dass ihr eine echte Freundin fehle, weshalb sie ihr Tagebuch zu ihrer imaginären Freundin machen wolle und es deshalb »Kitty« taufte.

Die Inszenierung wechselt schnell zwischen hell und dunkel, zwischen Fröhlichkeit bis hin zur Albernheit und Bedrücktheit. Vor allem aber lebt es von den Aussagen zwischen den Zeilen des Tagebuchs. Die Zuschauer erlebten ein Mädchen, das zur jungen Frau wurde, eingesperrt in einem Hinterhaus mit einer Familie und anderen Geflüchteten.

Haagen setzt sich keck auf die große Stehleiter, betrachtet alles von oben und stellt fest, dass ihr Versteck, das schönste in ganz Holland ist. Die Schauspielern macht aus der leeren Bühne und den wenigen Requisiten viel, agiert auch symbolhaft. »Erkennt man sie an ihrem jüdischen Aussehen?«, fragt sie, als sie nach dem Grund sucht, sich verstecken zu müssen.

Nachrichten von draußen sickern nur sehr langsam durch, erst später dreht sich das ganze Geschehen um das Leben im Versteck. Mit der Zeit zeigt das Eingepferchtsein Wirkung, und es kommt zu Spannungen innerhalb der Familie. Anne Frank träumt davon, der Nachwelt etwas hinterlassen und damit unsterblich zu werden. Sie möchte Journalistin und Autorin werden, dann würde sie noch ganze Romane über die Zeit im Versteck schreiben. Denn ihrem Tagebuch vertraue sie zwar viel an, doch längst nicht alles.

Dann ist sie einfach weg

So wechseln sich hoffnungsvolle Szenen mit spannungsgeladenen Szenen, nicht zuletzt, als Polizei oder Gestapo an der Tür des Verstecks rütteln, schließlich aber wieder abziehen. Auf eine Auseinandersetzung mit den Eltern, macht sich Anne darüber lustig, als sie mit einer quakenden Stimme eine Varieté-Nummer parodiert, was außer Kontrolle gerät. Szenen wie diese, machen beklommen und häufen sich im letzten Drittel des Stückes. Die Datumseinträge in »Kitty« schreiten immer weiter voran und schließlich hört man schon einen Eintrag aus dem August 1944. Durch Haagens mitreißendes Spiel hofft jeder, es möge bald der Eintrag »Mai 1945, Kriegsende« kommen, obwohl man es besser weiß.

Schließlich singen Haagen und Dück wieder ein gemeinsames Lied, die Bühne verdunkelt sich, die letzte Strophe singt der Akkordeonist alleine. Keine große Szene am Schluss. Anne ist einfach weg, still und leise. Durch eine sachlich vorgetragene Nachricht aus dem Off erfährt der Zuschauer, dass Anne Frank und ihre Familie im August 1944 verschleppt wurden und nur der Vater die Konzentrationslager überlebte. Das letzte Licht auf der Bühne erlischt und lässt die beklommene Frage zurück: »Warum«?

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