22. November 2018, 14:00 Uhr

Kurstraße

Einst Europäischer Hof, jetzt »K 7«: Bad Nauheimer Hoteltradition wird wiederbelebt

Die Handgranate auf dem Dachboden war für die Käufer eines Gebäudekomplexes in Bad Nauheim nicht die letzte Überraschung bei der Realisierung eines Bauprojekts. Ihr Ziel »K7« ist bald erreicht.
22. November 2018, 14:00 Uhr
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Von Bernd Klühs
Als Europäischer Hof ist das Hotel an der Ecke Kurstraße/Stresemannstraße 1855 gegründet worden. Jetzt wird die Hoteltradition wiederbelebt.

Doris und Peter Seher sind schon ewig unternehmerisch tätig, widmen sich oft neuen Aufgaben. 2013 erwarb das Ehepaar das Gebäudeensemble an der Ecke Stresemann-/Kurstraße. Zunächst war daran gedacht, die Häuser Stresemannstraße 1-3 und 5a sowie die Kurstraße 7 instand zu setzen, um die Wohn- und Geschäftsräume alle weiter zu vermieten.

»Als wir die Immobilien gekauft haben, wussten wir nichts über ihre Geschichte, wunderten uns bei den alten Gebäuden nur über die ungewöhnliche Struktur. Erst etwas später haben wir uns intensiv damit beschäftigt«, sagt Doris Seher. Dabei stieß das Ehepaar auf ein faszinierendes Stück Kurgeschichte, denn in ihrem neuen Besitz residierte einst eines der nobelsten Hotels der Stadt. Grand Hotel oder Hilberts Parkhotel sind vielen Bürgern ein Begriff, der Europäische Hof, auch Hotel de L’ Europe genannt, ist dagegen weitgehend in Vergessenheit geraten. Den Sehers kam die Idee, diese Tradition wiederzubeleben.

 

19 Zimmer auf drei Stockwerken

»›Cool, wir können ein Hotel hierher zurückbringen‹, war unser erster Gedanke. Doch dann verwarfen wir den Plan, schließlich war alles vermietet«, erzählt Doris Seher. Es sei nicht ihre Art, Mieter rauszudrängen, um ein Geschäftsmodell verwirklichen zu können. Etwa die alte Dame, die seit 55 Jahren im Dachgeschoss der Stresemannstraße 5a lebte. Die Mieterin musste die Wohnung aber aus Gesundheitsgründen aufgeben. Plötzlich ging alles ganz schnell. Innerhalb von gut einem Jahr verabschiedeten sich weitere Bewohner, machten Platz für das ersehnte Hotel.

Der Eingang zum »K 7« ist in der Kurstraße.

Ein Name war schnell gefunden: »K7«, abgeleitet von der Adresse Kurstraße 7 – dort befindet sich der Eingang des Boutique-Hotels. Dieses Haus ist mit der Stresemannstraße 5a zusammengebaut, die im Hinterhof liegt. Das »K7« wird mit 19 Zimmern auf drei Stockwerken des Gebäudes Stresemannstraße 5a deutlich kleiner als sein berühmter Vorgänger. Nach einer Marktanalyse, die eine 75-prozentige Auslastung prognostiziert, machten sich die Eigentümer ans Werk.

 

Zwei Jahre saniert und umgebaut

Größtes Problem in der zweijährigen Entkernungs-, Sanierungs- und Umbauphase in dem etwas maroden Gebäude Stresemannstraße 5a war die Logistik. »Durch die kleine Hofeinfahrt neben dem Tegut-Markt kann kein Lkw fahren. Es war auch nicht möglich, einen Kran zu stellen. Bauschutt und Materialien musste getragen werden«, sagt Doris Seher. Die Gestaltung des »K7« hat sie selbst geplant, betreibt die Bad Nauheimerin doch auch ein Büro für Einrichtungs- und Objektberatung.

Ziel war es, möglichst viele Elemente des Europäischen Hofs zu bewahren, zumal der Zimmerzuschnitt nach wie vor so aussieht wie Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Treppenhaus wurde aufwendig renoviert, die alten Marmorböden ebenfalls. Nach historischen Plänen hat die Eigentümerin, die zusammen mit ihrem Sohn die Hotel-Geschäftsführung übernimmt, die Fassade des Hauses Kurstraße 7 dem ursprünglichen Aussehen angepasst.

 

Eröffnung Mitte Dezember

Doris Seher hat fünf »Zimmer-Welten« entwickelt, zum Beispiel den »Artroom« oder »La Fleur«. Passend zu diesen Namen werden die Räume aussehen, bis ins Detail individuell gestaltet. »Wir kombinieren Historisches mit modernster Technik«, erläutert sie. So liegt in jedem Zimmer ein Tablet-Computer, mit dem etwa die Klimaanlage und die Heizung gesteuert werden. Das »Smarthome« weiß auch, wann ein Zimmer belegt ist und regelt die Anlage entsprechend.

Alle Hotelzimmer sind individuell gestaltet.

Online und am Check-in-Automaten kann rund um die Uhr ein Hotelzimmer gebucht werden. Die Rezeption ist nachts nicht besetzt. Vier der neunzehn Zimmer sind mit Mikroküchen ausgerüstet. Gäste können dort über Wochen oder Monate wohnen. Zudem gibt es eine Gemeinschaftsküche, einen Seminarraum und ein Esszimmer. Dort wird auch das Frühstück serviert.

Zurzeit ähneln alle Stockwerke einer Baustelle, es wimmelt nur so von Handwerkern. Trotzdem ist Doris Seher optimistisch, das »K7« bereits Mitte Dezember als den »Urenkel des legendären Hotel de L’ Europe« (so die Internet-Werbebotschaft) eröffnen zu können.

Info

Prinzen und Nobelpreisträger

Als Nauheim zum »Weltbad« wurde, suchte auch Peter Kröll hier sein Glück. Er ließ sich Anfang der 1850er Jahre in der Stadt nieder und errichtete an der Ecke Kurstraße/Stresemannstraße den Europäischen Hof, auch als Hotel de L’ Europe bekannt, der 1855 eröffnet wurde. Kröll, der im Gemeindevorstand saß, führte das 180-Betten-Haus bis 1869. Außerdem gründete er 1856 den ersten gastronomischen Betrieb auf dem Johannisberg und übernahm 1865 das Alte Kurhaus (früherer Spielsaal) in der Parkanlage an der unteren Kurstraße, das er in eine Gaststätte umwandelte. Der Europäische Hof wechselte später oft den Besitzer, die Qualität blieb aber stets erhalten. Prominente Kurgäste wie der preußische Kronprinz Friedrich Wilhelm (später Kaiser Friedrich III.), Bergsteiger und Filmemacher Luis Trenker oder der Chemiker und Nobelpreisträger Otto Hahn residierten hier. Kaiserin Sisi von Österreich schaute ab und zu auf einen Kaffee vorbei. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Hotel von der Wehrmacht beschlagnahmt und als Lazarett genutzt, auch das Frankfurter Heilig-Geist-Krankenhaus wich hierhin aus. Nach einer Renovierung erfolgte 1950 die Wiedereröffnung des Europäischen Hofs, der in den 70er Jahren endgültig den Betrieb einstellte. Anschließend entstanden in dem Gebäudekomplex Mietwohnungen, Artzpraxen und Läden. (bk)



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