05. Juli 2019, 17:00 Uhr

Neue Therme

FKK-Becken? Stadt lehnt Vorschlag ab

In Bad Nauheim sitzt seit 50 Jahren einer der großen FKK-Reiseveranstalter Europas. Ist das Wissen dieser Experten in die Therme-Planung eingeflossen? Nein. Jetzt melden sie sich selbst zu Wort.
05. Juli 2019, 17:00 Uhr
An Meeresstränden wie hier auf der Ostsee-Halbinsel Fischland-Darß-Zingst gibt es viele FKK-Angebote. Nachholbedarf sehen die Spezialisten vom Bad Nauheimer Reiseveranstalter OBÖNA dagegen in Schwimmbädern. Deshalb ihr Vorschlag, in der neuen Therme ein eigenes Becken für Nudisten zu errichten. (Foto: dpa)

Otto Böcher ist in Bad Nauheim eine bekannte Größe, leitete er doch vor seinem Ruhestand jahrzehntelang die Bahnhofsbuchhandlung. Gespür fürs Geschäft und die richtige Marktlücke bewies der Unternehmer allerdings auf einem anderen Gebiet. Als Fan der Freikörperkultur vermisste er entsprechende Urlaubsangebote und gründete 1966 kurzerhand den ersten FKK-Reiseveranstalter Deutschlands. Werbeslogan: »Urlaub ohne weiße Streifen«. Der Firmenname OBÖNA steht für »Otto Böcher Nauheim«.

ÖBONA hat sich etabliert, ist heute einer der führenden Reiseveranstalter dieser Sparte in Europa. Böcher hat sich aus Altersgründen längst zurückgezogen. Den Markt beobachtet er aber nach wie vor. Urlaubsangebote am Meer, an Seen oder auf Kreuzfahrtschiffen gibt es einige. Nachholbedarf sieht der Pionier dagegen bei Schwimmbädern.

Offener Brief an Kreß

Mit einem offenen Brief hat sich Böcher deshalb an den Bad Nauheimer Bürgermeister Klaus Kreß gewandt und für die neue Therme ein Nudisten-Schwimmbecken vorgeschlagen. »Die Stadt Bad Nauheim sowie der Betreiber hätten keine Sorgen wegen erstklassiger Besucherzahlen, wenn es ein Thermalbecken für ständiges textilfreies Baden gäbe, eventuell im Sauna-Bereich«, heißt es in dem Schreiben. Die Nachfrage sei groß, das Angebot in Schwimmbädern dürftig.

Im Rathaus stößt die Idee auf Skepsis. Der zuständige Fachbereichsleiter Steffen Schneider hat Böcher bereits schriftlich eine Absage erteilt. Das Konzept fürs neue Thermalbad basiere auf gesundheitsorientierter Wellness mit dem Schwerpunkt Sole und unter Einbindung der Kneipp’schen Lehre. Ein eigenes FKK-Becken sei nicht vorgesehen, in den acht Saunen werde es allerdings textilfrei zugehen. Denkbar seien FKK-Zeiten oder -Events im Thermalbad.

Wie Bürgermeister Kreß im Gespräch mit der WZ ergänzte, passe ein dauerhaftes FKK-Angebot nicht zum gesundheitsorientierten Ansatz, der ein internationales Publikum anlocken soll. »In den USA oder im arabischen Raum stehen die Menschen der Nudisten-Bewegung weniger aufgeschlossen gegenüber. Dort hält man FKK eher für abstoßend und befremdlich«, sagt der Bürgermeister. Auch der künftige Therme-Betreiber sehe den Vorschlag kritisch, weil sich »schwierige Situationen« ergeben könnten. Laut Kreß müsste zudem die weit fortgeschrittene Planung geändert werden, was zur Zeitverzögerung führen könnte. Ein weiteres Becken verursache auch zusätzliche Kosten.

Schwaben-Therme ganz textilfrei

Frank Jacobs, seit fünf Jahren Geschäftsführer von OBÖNA, kann die Argumentation des Rathauschefs nicht nachvollziehen. Neben Sole-Einsatz und Verbindung von Neubau mit historischem Badehaus könne die Stadt durch ein FKK-Angebot ein weiteres Alleinstellungsmerkmal schaffen. »Thermen mit Becken für Nudisten gibt es kaum, die meisten Sauna-Betreiber haben nur kalte Duschen oder ein Tauchbecken.« Deutschlandweite Ausnahme sei die Schwaben-Therme in Stuttgart, wo überall Textilfreiheit gelte. Dieses Bad sei sehr gut besucht.

So weit möchte der OBÖNA-Chef in Bad Nauheim nicht gehen, ein fünf bis zehn Meter langes Becken im Sauna-Bereich sollte aber machbar sein. »Gäste, die FKK ablehnen, gehen ohnehin nicht in die textilfreie Sauna, können sich also durch nackte Schwimmer nicht gestört fühlen«, sagt Jacobs. Warum FKK nicht zu gesundheitsorientierter Wellness passen soll, erschließt sich ihm auch nicht. Mehrkosten würden sicherlich anfallen, gleichzeitig sei aber mit deutlich höheren Besucherzahlen zu rechnen.

Der Geschäftsführer ist verwundert, dass die Verantwortlichen bei der Planung eines solch weitreichenden Projekts nicht das vor Ort vorhandene Expertenwissen nutzen. »Das ist schade. Schließlich arbeiten wir hier seit über 50 Jahren, kennen uns in Europa und darüber hinaus aus. Wir hätten nicht nur bei der Planung, sondern auch bei der Vermarktung helfen können. Leider wird die Chance verspielt, etwas Neues, Einzigartiges zu erstellen«, sagt Jacobs.

Nudisten: Vorreiter Deutschland

Deutschland war der Vorreiter der weltweite FKK-Bewegung. 1898 wurde in Essen der erste Verein gegründet, 1920 der erste Nacktbade-Strand auf der Insel Sylt etabliert. Drei Jahre später entstand ein Zusammenschluss der FKK-Vereine. Zum Schwerpunkt der Bewegung entwickelte sich der Osten Deutschlands. Nachdem es Nudisten während der Nazi-Diktatur schwer hatten - zeitweise wurde die Nacktheit entschieden bekämpft -, entwickelte sich nach dem Krieg die DDR zum Eldorado für FKK-Fans. Nach der Wiedervereinigung wurde das Nacktbaden im Osten eher zurückgedrängt.

Der Bad Nauheimer Anbieter OBÖNA hat in seinen aktuellen Sommerkatalog zwar Ziele in 15 Ländern aufgenommen, aber kein einziges deutsches. Auch der Spezialreiseveranstalter leidet unter dem Trend zum Buchen im Internet. Von einst 40 Mitarbeitern sind nur noch 5 übrig. Nach Angaben von Geschäftsführer Frank Jacobs ist der Altersdurchschnitt der Kunden, die in etwa der 68er Bewegung zuzurechnen seien, recht hoch. Bei der jüngeren Generation seien organisierte FKK-Urlaube nicht so beliebt.

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