03. April 2019, 20:21 Uhr

Fast ohne Punkt und Komma

03. April 2019, 20:21 Uhr
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Von Haimo Emminger
Michael Frowin legt das Bein auf den Tisch, reißt pausenlos Witze und singt dabei über alles, was ihn ärgert. (Foto: bf)

Als »Chauffeur der Kanzlerin« bremste der Kabarettist Michael Frowin im Alten Hallenbad scharfsinnig ab und ließ dem begeistert mitgehenden Publikum kaum eine Chance, sich vor Lachen auszuschütten. Der künstlerische Leiter der berühmten Berliner Stachelschweine verblüffte mit seiner Fähigkeit, fast zwei Stunden ohne Punkt und Komma einen Gag nach dem anderen herauszuhauen – ein Chauffeur mit Vollgas eben, der aber auch Berührendes kann.

Anfangs scheitert er mitten in der Lausitz am Kanzlerwagen, der voller Elektronik, auf normale Befehle wie Schlüsseldrücken zum Tür-Entriegeln nicht reagiert. Das Auto ist nur noch digitale Ausstattung mit Blech drum rum. Wir sind in der Hand der Maschinen, die machen mit uns, was sie wollen! Wenn Du Knoblauch gegessen hast, bestellt eine unsichtbare Macht bei Amazon ein Duftbäumchen fürs Auto. Er muss mit dem Auto sprechen, damit sich etwas bewegt, denn es ist auf Spracherkennung getrimmt, nicht nur mit ihm, sondern auch mit den verschiedenen Kumpels, die seinen Weg kreuzen.

Gunnar etwa hat alle Hausgeräte vernetzt, die Toilette misst automatisch die Urinwerte. Diese Algorithmen sollen sogar den Tod und die restliche Lebenszeit bestimmen: Das bringt Planungssicherheit, so was braucht unsere Regierung, wir alle! Nur nichts Unverhofftes! Die Engländer sind planungsunfähig. Da ist klar: »Wenn man nicht mehr weiß, wie man austreten soll, geht es in die Hosen«.Über die supersportlichen Jungmütter in ihrem Funktionsschlüpfer-Outfit macht er sich lustig, die eine der Tochter angebotene Schokolade ablehnt, weil sie vielleicht nicht aus fairem Handel stammt. Hart geht er mit dem industriefreundlichen Professor Helmut Greim ins Gericht, der als Gutachter in zahlreichen wissenschaftlichen Organisationen bei Dioxinen, Dieselabgasen oder auch im Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat keine Gesundheitsgefahren sieht.

Zur »Spenderitis« meint er: »Ramona hat mir zum Geburtstag eine Spende an Oxfam für ein afrikanisches Dorf geschenkt. Ich schenkte ihr zu ihrem Jahrestag daraufhin eine Spende für den Wasserhaushalt der Torfmoore in Ostindien«. Die Political Correctness gehört für Frowin auf den Müllhaufen der Geschichte. Er singt lauthals das wegen Sexismusvorwürfen umstrittene Gedicht »Avenidas« von Eugen Gomringer, das an der Südfassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule angebracht ist. Welcher Kabarettist kann so singen wie er? Und er intoniert sein Berufslied »Der Chauffeur«, das mit den Worten beginnt: Scheißberufe gibt es viele, nur ein Beruf ist unentbehrlich, wer bringt die Kanzlerin zur Strecke, den Führer zum Hauptquartier? Der Chauffeur!«

Er spottet über die Alten, die er beim Bier auf der Alm sitzend heraufkeuchen sieht. Als einer sagt, sie seien schon fünf Tage am Limit, meint Frowin: »Schade dass Ihr es nicht überschritten habt«. Weil Friedrich Merz bei Black Rock dafür gesorgt hat, dass die Mieten unbezahlbar werden«, brauchen wir eine Revolution! Aber: Deutschland kann keine Revolution! Die beginnt im Baumarkt mit Preisvergleich, und beim IKEA-Blockadebausatz fehlt dann noch der Imbusschlüssel. Mächtig wirkt sein Lied »Ich hol Freiheit in mein Deutschland zurück«, das bitter endet »Ihr holt Euch kein Deutschland zurück!« Zum Schluss ruft ihn die Kanzlerin wegen der Digitalisierung an.

Für einen geistreichen Abend im alten Hallenbad, der bei allem Witz auch nachdenklich macht, dankt das Publikum mit lang anhaltendem Beifall.



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