31. Oktober 2018, 20:27 Uhr

Filmstars und menschliche Knochen

31. Oktober 2018, 20:27 Uhr
Ulrich Ritter und Claudia Gottschalk mit zwei Drehleiern. Die beiden Ehrenamtlichen sind Teil des Ensembles Dudelleierpfeifen und treten mit ihren historischen Instrumenten auf, mit denen sie Musik aus dem Barock bis hin zum frühen 19. Jahrhundert spielen. (Foto: prw)

Der Duden versteht unter einem Museum eine der Öffentlichkeit zugängliche Sammlung von Altertümern, Kunstwerken oder Ähnlichem. Daran hält sich auch das Musikinstrumentenmuseum in Ortenberg-Lißberg. Das ehrenamtlich geführte Museum verdankt sein Konzept und seinen Grundstock dem Sammler Kurt Reichmann. 1990 gegründet, vergrößerte sich die Sammlung sukzessive durch Erbschaften und Schenkungen. »Eigentlich bräuchten wir einen Anbau, um alle Objekte optimal zu zeigen«, sagt Ulrich Ritter, einer der Ehrenamtlichen. Mehr als 2000 Instrumente sind in dem ehemaligen Klassenzimmer der Lißberger Grundschule unterhalb der Burg im alten Dorfkern versammelt.

Weltweit größte Sammlung

Die Sammlung von Drehleiern und Dudelsäcken ist die weltweit größte. »Dudelsäcke«, räumt Ritter mit einem Vorurteil auf, »stammen keineswegs aus Schottland. Sie sind in Polen und Sizilien genauso bekannt wie im Fernen Osten, wo sie vermutlich um das Jahr 1000 im Himalaya erstmals gebaut wurden.« Auch Gottesdienste werden schon lange mit Musik begleitet, etwa mit dem von Reichmann nachgebauten Organistrum, einem Vorläufer der Drehleier. Sackpfeifen (Dudelsäcke), aber auch alphornähnliche Blasinstrumente dienten der Kommunikation über weite Entfernungen. »Mit der Sackpfeife ließen sich ganze Armeeeinheiten auf dem Schlachtfeld dirigieren«, sagt Ritter.

Jedes der Instrumente hat eine eigene Geschichte. Etwa das Kangling aus Tibet, hergestellt aus einem menschlichen Oberschenkelknochen, was dem Verstorbenen nach tibetischem Glauben die Möglichkeit zur Wiedergeburt verwehrt. Wenn aber der Mensch vom Ideal des Vorbilds abgewichen ist, kann aus seinen Knochen gemachte Musik auf dem Weg zur Wiedergeburt helfen.

»Das Besondere an unserem Museum ist, dass man die Instrumente auch spielen kann«, sagt Claudia Gottschalk. Viele dieser Instrumente hat Reichmann gebaut, etwa das »Nürmbergisch Geigenwerck«, ein cembaloförmiges Instrument, dessen Saiten nicht abgezupft, sondern angestrichen werden. Das Niederdrücken einer Taste per Fußtritt zieht eine Saite gegen das entsprechende Rad. Das in Lißberg ausgestellte Exemplar war lange Zeit das einzige spielbare »Nürmbergisch Geigenwerck« und hatte seinen größten Auftritt bisher beim Einspielen der Filmmusik für »Der Name der Rose«.

Nicht viel einfacher dürfte der Nachbau eines Streichklaviers von Leonardo da Vinci sein, der nicht mehr als eine Skizze hinterließ, aus der Kurt Reichmann ein spielbares Instrument gebaut hat.

»Viele Museen sind voll mit Instrumenten aus Fürstenhäusern, wir aber haben hier auch eine original Bettlerleier aus dem 19. Jahrhundert«, erzählt Ulrich Ritter und kommt damit auf die Geschichte der Hurdy-Gurdy-Girls, die im frühen 19. Jahrhundert in der Wetterau und später auch in Übersee unterwegs waren. Viele Landlose verdienten sich seinerzeit mit der Herstellung von Besen und Fliegenwedeln ihr Geld. Solche Waren ließen sich aber mit Werbung besser verkaufen, erst recht, wenn dabei ein hübsches, tanzendes und die Drehleier spielendes Mädchen dabei war.

Der Erfolg der Drehleiermädchen sprach sich herum. Werber lockten sie mit vielen Versprechungen in die Tanzkneipen nach England, in die Goldgräberstädte Nordamerikas und Australiens, wo nicht wenige von ihnen zur Prostitution gezwungen wurden. Dass Drehleiern von Mädchen und Frauen gespielt wurden, hat noch einen anderen Grund. Bis in das 18. Jahrhundert galt es als unfein, wenn Frauen Blasinstrumente spielten. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei.

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