22. November 2018, 19:06 Uhr

Frieden oder nur Waffenstillstand?

22. November 2018, 19:06 Uhr
»Die Großen Vier« von 1919, die über den Inhalt des Versailler Vertrages nahezu allein entschieden (v. l.): David Lloyd George (England), Vittorio Orlando (Italien), Georges Clemenceau (Frankreich) und Woodrow Wilson (USA). (Foto: dpa)

Im Rahmen der Vortragsreihe »1918/19 – Den Krieg gewonnen, den Frieden verloren« sprach Prof. Wolfgang Kruse (Fernuniversität Hagen) zum Thema »Versailles: Frieden oder nur Waffenstillstand?«. Der Referent, zu dessen Forschungsschwerpunkten die Geschichte des Ersten Weltkriegs gehört, überraschte durch heutige Betrachtungsweisen historischer Ereignisse. Diesem ebenso verbreiteten wie verführerischen Blick auf Geschichte sprach Kruse nicht die vernünftige Haltung ab. Durch die einfache Frage »Was war damals möglich?«, verbunden mit Erklärungen, half er den Zuhörern, sich in die Lage der Gegner Deutschlands zu versetzen und so einer nicht zuletzt durch die Kenntnis der Folgeereignisse bestimmten Sicht eine Absage zu erteilen.

Kruse erwähnte fünf verschiedene Friedensverträge sowie die Gründung des Völkerbunds, die bestimmt waren, zum Aufbau einer friedensfähigen, demokratischen Ordnung in Europa beizutragen. Ereignisse wie der Weltkrieg mit mehr als 10 Millionen Opfern, Soldaten und Zivilisten, sollten der Vergangenheit angehören.

Niederlage schwer zu begreifen

Durch die »enorme nationalistische Aufhetzung aller Völker durch Propaganda« und utopische Kriegsziele, die oft in Geheimverträgen ausgehandelt wurden, war die Atmosphäre vergiftet. In Deutschland herrschte eine auch in der Weimarer Republik nicht geänderte, von Parteien und gesellschaftlichen Gruppierungen vertretene einseitige Perspektive, nur den »Gewaltfrieden« zu sehen, die »über Maß und Notwendigkeit hinausgehenden Lasten«. Kruse sprach auch über die Schwierigkeiten der Menschen, die Niederlage zu begreifen, da Deutschland nicht besetzt war, deutsche Truppen noch Gebiete in anderen Ländern hielten und durch den Sturz des Kaiserreichs ein neuer Staat entstanden war.

Zwar wurde der von den Siegern ohne Mitsprache der Besiegten ausgehandelte Frieden vom Referenten und die spätere Schwächung der Weimarer Republik durch die Sieger nicht positiv bewertet; er wies aber darauf hin, dass Deutschland beim Sonderfrieden von Brest-Litowsk ebenfalls Klugheit und Großmut vermissen ließ. Die Festschreibung einer moralischen deutschen Kriegsschuld anstelle bloßer Urheberschaft für Verluste und Schäden schrieb er dem ungeschickten deutschen Auftreten in Versailles zu.

Keine Weltfriedensordnung

Der Referent sprach auch über das Entstehen völlig neuer Staaten, die Sonderrolle der Sowjetunion, die Neuordnung der Einflusssphären von England und Frankreich, den Verlust deutscher Kolonien und die Hoffnungen auf Autonomie bei den Kolonialvölkern, die für England und Frankreich gekämpft hatten. Die neuen Staaten konnten nicht ethnisch homogen sein, deshalb war die Einrichtung von Minderheitenrechten wichtig.

Dem Völkerbund widmete Kruse ein eigenes Kapitel. Der Bund hatte keine Möglichkeit, Sanktionen zu verhängen, konnte jedoch Verhandlungen herbeiführen und ächtete den Krieg als Mittel politischer Auseinandersetzung. Abrüstungsverhandlungen wurden ohne Ergebnis vertagt, die Abkehr vom Gedanken einer Weltfriedensordnung laugten den Völkerbund ebenso aus wie die Nicht-Mitgliedschaft der USA. Trotz allem verneinte Kruse, dass der Weg zwangsläufig in den Zweiten Weltkrieg führen musste.

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