10. Oktober 2018, 18:59 Uhr

Frühe Hilfe kann Psychose mildern

Ja, unser Sohn hat Probleme. Aber muss er wirklich in die Psychiatrie? Fachleute am Uni-Klinikum in Gießen wollen solche Berührungsängste abbauen, unter anderem mit einem Zentrum zur Früherkennung und in der »Sendung mit der Maus«.
10. Oktober 2018, 18:59 Uhr
Viele Betroffene verheimlichen eine Psychose oder Schizophrenie, etliche verzögern den Gang zum Arzt. Dabei gibt es wirksame Hilfe. (Foto: Fotolia/ Photographee.eu)

Eigentlich will Lukas ein Studium beginnen. Doch schnell gerät er in eine Welt aus Drogen und Partys. Als er Stimmen hört, landet er in der Psychiatrie. Die Diagnose: Paranoide Schizophrenie. Lukas verlässt die Klinik, setzt sein Medikament ab, begeht einen Selbstmordversuch und strandet in Spanien. So erzählt es der Film »Das Weiße Rauschen«.

Patienten wie Lukas seien keine Seltenheit, erläutert Prof. Christoph Mulert, Direktor der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Gießen in einem Pressegespräch. Die ersten Anzeichen einer Psychose treten bei Männern üblicherweise im Alter zwischen 18 und 22 Jahren auf, bei Frauen um die 25 Jahre. Auch andere Erkrankungen, etwa bipolare oder Persönlichkeitsstörungen, manifestierten sich häufig bei jungen Erwachsenen, sagt Mulert. Im Rahmen der »Woche der seelischen Gesundheit« stellt die Klinik diesmal das Thema »Junge Menschen und seelische Gesundheit in einer Welt im Wandel« in den Mittelpunkt.

Psychosen nehmen zu. Lange ging man davon aus, dass flächendeckend etwa ein Prozent der Bevölkerung an dieser Krankheit – häufig verbunden mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen – leidet. Nun steige dieser Anteil deutlich. Neben der Veranlagung sei Drogenkonsum, etwa von Cannabis, ein Auslöser. Eine städtische Umgebung könne sich ebenfalls ungünstig auswirken. Warum, sei noch nicht ganz geklärt. Wahrscheinlich fehlen soziales Eingebettetsein und Grün, täglich sieht man viele fremde Gesichter.

Leben in der Stadt als Risiko

Drei Viertel der Betroffenen zeigen ein bis zwei Jahre zuvor erste Anzeichen der Erkrankung. Sie ziehen sich beispielsweise zurück, ihre Leistungen in Ausbildung und Beruf lassen nach. Eine rechtzeitige Behandlung – neben Medikamenten wird spezielle Therapie und Training eingesetzt – kann den vollen Ausbruch einer Psychose verhindern oder den Verlauf abmildern.

Dazu beitragen kann auch eine gesunde Lebensführung. Es gelte »Überforderung, aber auch Unterstimulation zu vermeiden«, erklärt Oberarzt Dr. Bernd Hanewald. Er empfiehlt grundsätzlich stabile Beziehungen, wenig Stress und etwas Sport.

»Unser Sohn hat sich verändert. An seiner Wohnung sind immer die Rollos heruntergelassen. Auf Klopfen öffnet er nicht.« Solche Anrufe erhalte er immer wieder, berichtet Marco Auernigg, Psychiatriekoordinator des Landkreises Gießen. »Wir würden gerne schnell ein Angebot machen, aber viele Familien schrecken vor der Psychiatrie erst einmal zurück.«

Diese Erfahrung machen auch Mulert und seine Mitarbeiter. »Die Erkrankung selbst ist schlimm genug.« Sie könne die Lebensqualität umfassender einschränken als die meisten körperlichen Probleme. Hinzu komme die Stigmatisierung. Während man mit Depressionen mittlerweile offener umgehe, verheimlichten viele Betroffene eine Psychose oder Schizophrenie, etliche verzögerten den Gang zum Arzt. »Das ist total schade«, sagt Mulert, »denn es gibt wirksame Hilfe«.

Die Hemmschwelle senken soll ein Früherkennungszentrum, das zurzeit in der Klinik entsteht, ergänzt Hanewald. Es solle eine erste Anlaufstelle sein, in der man psychische Veränderungen klären kann.

Versorgungslage verschärft sich

Auf eine besondere Form der Wissensvermittlung ist die in Marburg angesiedelte Kinder- und Jugendpsychiatrie des Uni-Klinikums stolz: Dort wurde ein Beitrag über psychische Störungen im Kindesalter und ihre Behandlung gedreht, der am kommenden Sonntag, 14. Oktober, in der »Sendung mit der Maus« zu sehen ist (9.30 Uhr ARD, 11.30 Uhr Kika).

Für Patienten in akuten Krisen gebe es ausreichend Versorgungsangebote, sagt Auernigg. Bei niedergelassenen Psychiatern allerdings seien Plätze knapp, und die Lage drohe sich zu verschärfen. Viele Fachärzte in der Region stünden kurz vor dem Ruhestand.

Interessierte erreichen die Klinik in Gießen unter Tel. 06 41/985-4 57 00. Erste Anlaufstelle kann auch der Sozialpsychiatrische Dienst des Wetteraukreises sein, erreichbar unter Tel. 0 60 31/ 83-23 14.

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