17. März 2017, 11:00 Uhr

Überreste

Geheimnisse der Knochen

Die Knochen im Wald bei Ranstadt sind die Überreste eines Mongolen. Das bestätigt die Rechtsmedizin in Gießen. Wie man dort vorgeht, das erzählt Dr. Christoph Birngruber.
17. März 2017, 11:00 Uhr
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Von Christoph Agel
Assistenzärztin Theresa Ohlwärther und Christoph Birngruber, Facharzt für Rechtsmedizin, nehmen einen Schädel unter die Lupe. Die beiden bearbeiten gemeinsam die Gutachtenaufträge zu Knochenfunden. (Foto: pv)

Wie lange halten sich Knochen so, dass man noch Informationen aus ihnen gewinnen kann?

Christoph Birngruber: Das hängt immer von den Liegebedingungen ab – ob es trocken ist oder feucht, über- oder unterirdisch, im Wasser und so weiter. Wir haben Fälle, in denen man nach Hunderten von Jahren noch Informationen bekommen kann, wenn die Knochen gut erhalten sind. Ein gutes Beispiel dafür sind sogenannte Beinhäuser in Kirchennähe. Da befinden sich die Knochen auch nach jahrhundertelanger Lagerung noch in einem guten Zustand.

Wie erkennt man, wie lange die Person schon tot ist?

Birngruber: Je länger sie tot ist, desto schwieriger ist es festzustellen, wie lange sie schon tot ist. Man schaut, ob man an den Knochen Zeichen der medizinischen Versorgung und am Gebiss Zahnarbeiten findet. Entdeckt man zum Beispiel Füllungen, dann spricht das nicht dafür, dass die Knochen aus dem Mittelalter stammen. Man kann auch isotope C-14-Untersuchungen machen.

Was heißt das?

Birngruber: Im Laufe unseres Lebens nehmen wir mit dem Essen organisches Material zu uns. Und das besteht zum Teil aus Kohlenstoffatomen. Das C14 ist quasi eine Variante des Kohlenstoffatoms, das zwar instabil ist und zerfällt, aber eine lange Halbwertszeit hat. Mit ganz empfindlichen Geräten kann man darüber dann die Liegezeit herausfinden. Das nutzt aber eher etwas bei den älteren, den archäologischen Funden.

Wie lassen sich Rückschlüsse auf das Alter und das Geschlecht der Person ziehen?

Birngruber: Je mehr Knochen wir von einem Individuum haben, desto höher ist die Aussagekraft. Für die Bestimmung des Geschlechts sind insbesondere das Becken und der Schädel entscheidend. Das Becken ist bei Frauen breiter. Und am Schädel gibt es Stellen, die, wenn sie kräftiger ausgeprägt sind, für ein männliches Individuum sprechen. Beim Gesamtkörperbau sind die Knochen des Mannes eher robuster und die der Frauen eher graziler. Was das Alter betrifft: Bei einem Kind würden wir noch Wachstumsfugen sehen, die sich zu den Enden der Knochen hin befinden. In diesem Bereich findet das Längenwachstum statt. Unterschiedliche Knochen sind zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben ausgewachsen. Das trifft auch auf die Schädelnähte zu. Je stärker sie verknöchert sind, desto höher ist das Lebensalter.

Wie lassen sich Spuren von Gewalt nachweisen?

Birngruber: Wenn wir nur noch einen Knochen haben, dann unterscheiden wir drei Zeiträume der Gewalteinwirkungen: Erstens deutlich vor dem Tod, zweitens Spuren von Gewalt, die um den Tod herum eingewirkt hat, und drittens Spuren von Gewalt, die nach dem Tod oder nach der kompletten Skelettierung entstanden sind. Je nachdem, welche Gewaltspuren wir haben, sind sie für die Behörden von größerem oder weniger großem Interesse.

Wie erkennt man Spuren von Gewalt, die um den Tod herum entstanden sind?

Birngruber: Das Bruchverhalten eines Knochens hängt davon ab, welche Komponenten noch im Knochen vorhanden sind. Knochen sind stabil, aber auch elastisch. Durch die Verwesung sind die elastischen Anteile in der Regel eher verschwunden als die stabilen Anteile. Ein Knochen bricht anders, wenn er nach dem Tod gebrochen wird, als etwa zum Zeitpunkt des Todes. Es können dann charakteristische Bruchformen auftreten. Die Unterscheidung ist jedoch nicht immer einfach.

Lässt sich Gewalteinwirkung eigentlich immer komplett ausschließen – zum Beispiel, wenn jemand einen Stich ins Herz bekommt?

Birngruber: Gewalteinwirkung kann man nicht grundsätzlich ausschließen. Zum Beispiel kann es sein, dass jemand einen Bauchschuss bekommen hat. Der muss keine Verletzungen am Knochen hinterlassen. Ein Kollege hat in einem Fall einmal eine Kerbe an einer Rippe entdeckt, die zum Zeitpunkt des Todes entstanden war und die zu einem Messerstich gepasst hat. Da musste dann durch die Polizei weiter ermittelt werden.

Wie kann man, wie im Ranstädter Fall, auf Suizid schließen?

Birngruber: Um einen Fall zu lösen, ist eine gute Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden ganz, ganz wichtig. Wenn zum Beispiel ein Skelett im Wald gefunden wird, und oben am Baum hängt noch einen Strick, dann liegt natürlich nahe, dass sich da jemand erhängt hat. Da finden sich dann nicht unbedingt Verletzungen am Knochen. Und da kann dann der Rechtsmediziner so lange untersuchen, wie er will, und er kommt nicht auf die Todesursache. Unsere Arbeit ist immer nur ein Baustein bei der Klärung eines Falls.

Wie oft haben Sie mit Fällen zu tun, in denen nur noch die Knochen übrig sind?

Birngruber: Wir haben einige Dutzend Gutachtenaufträge im Jahr, die sich um Knochen drehen. Nicht immer handelt es sich um das ganze Skelett und nicht immer um menschliche Knochen. Auch gibt es Tierknochen, die gefunden werden und menschlichen Knochen sehr ähnlich sind, wie zum Beispiel das Schienbein eines Hirsches. Und es kommt vor, dass bei Renovierungsarbeiten in Zwischenwänden oder stillgelegten Kaminen teils unzählige Knochen auftauchen. Da denkt die Polizei oder der Hausbesitzer schon mal, dass da ein Massenmörder gewohnt haben muss. Bisher waren es in den Fällen aber immer Tierknochen.



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