26. September 2019, 14:00 Uhr

Sexuell motiviert?

Gericht muss klären: Überfall ganz ohne Grund?

Ein maskierter und bewaffneter Mann hat eine Wetterauer Familie in Angst und Schrecken versetzt. Wieso er den Überfall begangen hat, versucht derzeit das Amtsgericht Friedberg zu ergründen.
26. September 2019, 14:00 Uhr
Ein maskierter und bewaffneter Mann versetzt eine Wetterauer Familie in Angst und Schrecken. Später stellt sich heraus: Es ist ein Verwandter. Wieso er den Überfall begangen hat, das versucht derzeit das Amtsgericht Friedberg zu ergründen. (Symbolfoto: dpa)

Eigentlich geht es nur noch ums Strafmaß. Dass er an einem Abend im Dezember 2018 bewaffnet und maskiert bei Verwandten aufgetaucht ist, bestreitet der 41-Jährige nicht. Nur über den Grund herrschen unterschiedliche Auffassungen. Es gebe keinen, sagt der Angeklagte vor dem Amtsgericht Friedberg. Doch, sagt die Staatsanwaltschaft. Dafür sprechen Lebensmittel, die im Auto des Mannes lagen.

Pflichtverteidiger Ramazan Schmidt ist hartnäckig. Sein Mandant sei wegen versuchter Freiheitsberaubung und versuchter Bedrohung angeklagt - wegen nichts anderem. Schmidt sagt dies vor allem in Richtung Staatsanwaltschaft, die von einer sexuell motivierten Tat ausgeht. Den Grund der Tat aufzuklären, ist in diesem Verfahren die hauptsächliche Aufgabe des Schöffengerichts am Amtsgericht Friedberg. Denn die Tat selbst ist unstrittig. Schmidt hat gleich zu Beginn eine Erklärung für seinen 41-jährigen Mandanten abgegeben: Dieser räume die Vorwürfe »ohne jede Einschränkung« ein.

Am Tatabend hatte er sich auf den Weg zu entfernten Verwandten in einer Wetterauer Kommune gemacht und sich eine Skimaske übergezogen, bevor er klingelte. Als der 17-jährige Sohn die Tür öffnet und erschrocken seine Mutter ruft, zückt der Angeklagte ein Messer, bedroht den jungen Mann und versucht, ihm die Hände auf den Rücken zu fesseln. Sohn und Mutter ringen mit dem Angreifer, die jüngere Tochter wird Zeugin des Kampfes. Schließlich können sie den Täter aus dem Haus drängen.

Gurke und Bananen im Auto

Zwei Tage später: Die verängstigten Opfer sitzen gerade beim Arzt, um sich für Schule und Arbeit krankschreiben zu lassen, als das Handy der Mutter klingelt. Der Täter ist dran und droht, ihrer Familie etwas anzutun, sollte sie die Polizei einschalten. Doch die ermittelt längst und macht den Mann schließlich zwei Tage später dingfest. Es ist ein entfernter Verwandter, zu dem sie seit Jahren keinen Kontakt hatten.

Was die Beamten in seinem Auto finden, passt ebenso ins Bild der Anklage wie der Zettel, den der 41-Jährige am Tatort verloren hat - sexuelle Praktiken und Fantasien sind darauf aufgelistet. Im Wagen liegt ein Rucksack - gefüllt mit Bananen, einer Gurke und Penaten-Öl. Die Schlussfolgerung der Anklage, auch im Hinblick auf das Messer, die Fesseln und die Maske: Sexuelle Übergriffe auf Mutter und Tochter (heute 14) seien die Absicht des Angreifers gewesen.

Eine versuchte Vergewaltigung ist zwar nicht angeklagt. Aber ob der Angeklagte den Überfall aus dieser Motivation heraus begangen hat, macht bei der Strafzumessung durchaus einen Unterschied. Zumal der Mann erst eine Woche vor der Tat aus dem Gefängnis freigekommen war. Mehrere Jahre hatte er wegen eines Sexualdelikts in einer besonderen JVA in Kassel für »schwere Jungs« eingesessen - bis zum letzten Tag der verhängten Strafe, ohne Bewährung. Zum Tatzeitpunkt war er in der »Zentralstelle zur Überwachung rückfallgefährdeter Sexualstraftäter« gemeldet.

Nur noch gemeinsam zur Schule

Der Verteidiger kommentiert die auffällige Kombination der Lebensmittel im Pkw seines Mandaten nicht. Der Angeklagte selbst sagt ohnehin nicht zur Tat aus. Zweimal wendet er sich während der Verhandlungstage an die Opfer, um sich zu entschuldigen. Darauf legen die Nebenkläger keinen Wert. Sie nehmen die Entschuldigung nicht an.

Mutter und Tochter hatten ihre Aussage vor Gericht immer wieder unterbrechen müssen, weil sie mit den Tränen kämpften. Bis heute wirkt der Überfall nach. »Unser Zuhause war mal ein Wohlfühlort«, sagte der Sohn. »Das ist es heute nicht mehr.«

Die Familie hat knapp 10 000 Euro in Gitter, Riegel und andere Sicherheitsmaßnahmen investiert. »Ohne die ginge es nicht«, sagte der 17-Jährige , der nach wie vor therapeutische Hilfe bekommt und Beruhigungsmittel nimmt. Der Alltag sei »enorm eingeschränkt«. Er trage immer einen Taschenalarm bei sich, reagiere »extrem empfindlich auf Geräusche von außen«, gehe den Schulweg nur gemeinsam mit seiner Schwester - anfangs sogar mit Telefonbegleitung.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Amtsgerichte
  • Bananen
  • Familien
  • Friedberg
  • Gurken
  • Motivation
  • Polizei
  • Sexualdelikte
  • Überfälle
  • Wetteraukreis
  • Dagmar Bertram
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.