18. Juni 2019, 20:16 Uhr

Geschichtsverein »hinterm Deich«

18. Juni 2019, 20:16 Uhr
Die Geschichtsverein-Mitglieder schauen sich interessante Orte an. (Foto: pv)

Unter dem Motto »Hinterm Deich« waren unter der Leitung von Hans Wolf das Emsland, Ostfriesland, Jeverland und Ammerland Ziel der viertägigen Fahrt des Friedberger Geschichtsvereins.

Im dünn besiedelten Emsland fand eine Führung auf dem Gelände der 1795 gegründeten Meyer-Werft, des größten regionalen Arbeitgebers, statt. Ab 1972 aus der Stadtmitte der ehemaligen Fehnkolonie Papenburg, einst Standort von 24 Werften, ausgelagert, produziert die siebtgrößte Werft der Welt in riesigen Docks in Blockbauweise mit neuester Fertigungstechnik seit 1984 für einen wachsenden Markt Kreuzfahrtschiffe. Alle 40 Schiffe sind noch im Einsatz, z. B. die Aida Nova, mit umweltschonenderem Flüssiggas betrieben, als schwimmende Kleinstadt mit allen Extras an Unterhaltung. Jeder Schiffbau über 36 Monate sichere 21 000 Arbeitsplätze im Werk und bei Zulieferern.

Für den Ausflug des Vereins wurde Hans Wolf aus den Reihen des Vorstands unterstützt. Lothar Kreuzer hatte auf Papenburg und den Werftbesuch vorbereitet. Achim Meisinger erläuterte an Kartenmaterial und im Landschaftsbild die Entstehung der Naturräume im Exkursionsgebiet: Zum einen die Nieder- und Hochmoore, unter denen das Ewige Meer mit 91 Hektar Wasserfläche Deutschlands größtes ist und in dem man 1984 einen steinzeitlichen Bohlenweg entdeckte. Zum anderen die karge Geest und die ertragreiche Marsch, teilweise 2,5 Meter unter dem Meeresspiegel, sowie das Watt. Reinhard Schartl referierte über das Rechtssystem der »Friesischen Freiheit«, bei der am zentralen Upstalboom bei einem Jahrestreffen politisch beraten wurde. Die besonderen Aufgaben von Küstenschutz und Deichbau ließen die Ostfriesen selbstständige Viehbauern und -züchter ohne Grundherren und Adelsherrschaft bleiben, in der Marsch verwalteten sie in der »Theelacht« genossenschaftlich das Land. Unter ihren sogenannten Häuptlingen, die sich bekämpften, gewannen die Cirksena die Oberhand und dominierten, zu Reichsgrafen ernannt, von 1464 bis 1744. Dann suchte Preußen einen Zugang zur Nordsee und entwickelte das Land, während die Herrschaft der Hannoveraner (1815-66) und die Weimarer Zeit Rückschritte brachten.

Leer und die Kreisstadt Aurich, Mittelzentren und Marktplätze, wirken mit ihrem gepflegten Baubestand aus verschiedenen Epochen einladend. Im Teemuseum Norden wurde die Reisegruppe bestens über die Geschichte des Getränks informiert und in einer Zeremonie zum ostfriesischen Teetrinker geschult. Der Ostfriese trinkt bei einem durchschnittlichen Jahresverbrauch von 300 Litern seine mindestens drei Tassen Tee mit Kluntjes und Sahne, es wird nicht umgerührt.

Die Grafschaft Oldenburg entwickelte sich im Grenzgebiet zu Friesland als Handelsplatz. 1488 wurden die Grafen als Könige von Dänemark Herrscher über Skandinavien, Graf Anton Günther baute Oldenburg zur Renaissanceresidenz aus und steuerte es neutral durch den Dreißigjährigen Krieg. Während einer zweiten Epoche als Residenz wurde die Lambertikirche von einer gotischen Halle in einen klassizistischen Rundbau umgestaltet. Hinte, Pilsum und Rysum auf der Krummhörn bieten als hochwassergeschützte Warftdörfer, dem Siedlungstyp vor dem Deichbau, Ensembles von Kirche und Burg, aus statischen Gründen mit frei stehendem Glockenturm. In Rysum bildete ein Konzert auf der wohl zweitältesten in Deutschland noch bespielbaren Orgel aus dem 15. Jahrhundert ein Highlight der Fahrt.

Landschaftlich begeisterten Schloss Lütetsburg, in dessen Park der Rhododendron in allen Farben blühte, und das Wasserschloss Dornum mit seinen zwei Gräften.

Abschließender Höhepunkt war Bremerhaven, Abfahrtshafen für 7,2 Millionen Auswanderer seit 1830. Im Auswandererhaus konnte man an verschiedenen Biografien unterschiedliche Motive für den Start in die Neue Welt nachvollziehen.

Der Friedberger Geschichtsverein führt die Fahrt vom 15. bis 18. August ein zweites Mal durch. Anmeldungen sind möglich über die Geschäftsstelle, Kaiserstraße 21, oder per E-Mail an Friedberger-Geschichtsverein@gmx.de.

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